Woher kommt der Namen des Labels? Gibt es eine spezielle Bedeutung?
Ist der Name ein Wortspiel? Ausdruck der Labelphilosophie, oder rein zufällig
entstanden?
Ja klar gibt es eine Bedeutung hinter dem Namen, da eine unserer Prämissen ist alles was wir tun reiflich zu überlegen. Der Name setzt sich zusammen aus Körper und Funktion. Für uns die beiden Kernelemente die eine Bedeutung im Techno bzw. in der Clubmusik im Allgemeinen haben. Elektronische Musik ist naturgemäß formal, allein schon wegen der Art und Weise wie sie produziert wird. Der repetitive Charakter ist ja auch einer maschinellen Adaption von Musik geschuldet. Da ich als Gründer des Labels aber aus der „handgemachten“ Musik komme, war es schon immer mein Bestreben diese maschinelle wieder in die Organik zu überführen. Pathetisch gesprochen geht es darum den Roboter wieder echtes Blut zuzuführen. Damit meine ich nicht mal unbedingt, den Cross-over von maschinell hergestellter Musik und ‚echten‘ Instrumenten, sondern dass für unser Verständnis eine gesunde Portion Schweiß und hochkochende Emotionen zur Musik einfach dazugehören. Bei allen Ambitionen der Musik wieder tiefe durch Emotionalität einzuhauchen, darf aber nie die ‚Funktion‘ vergessen werden. Am Ende des Tages geht es darum abzuschalten, gemeinsam auszurasten und sich körperlich und geistig auszutoben. Der kathartische Effekt von Clubmusik ist für uns einer der Hauptantriebe um immer weiter zu machen.
Eine weitere bewusste Deutungsmöglichkeit ist die Verwandtschaft von Body Function zu ‚bodily function‘ was im Endeffekt untermauern soll, dass es uns mehr als ernst ist mit dem was wir tun, es uns wirklich etwas bedeutet und wir Musik so nötig brauchen wie die Luft zum atmen.
Wann, und von wem, wurde das Label gegründet?
Das Label wurde von mir, Jack Codec, Ende 2007/Anfang 2008 gegründet.

Jack Codec
Was war der Antrieb bzw. Hintergrund ein Label zu gründen? Begann alles aus Spaß, oder schon als ausgewachsene Geschäftsidee?
Mit meinem Projekt Codec & Flexor habe ich natürlich einiges miterlebt. Sehr viel Positives aber auch wirklich nervenzerfetzenden Mist: Label-Pleiten, Vertriebspleiten, wichtige Kontaktpersonen die aus diversen Gründen das Label verlassen, alles Sachen die dich als Musiker einfach ausbremsen. Auch vertragsrechtlicher Business-Schrott, der im Endeffekt dafür sorgt, dass du als Musiker in der Luft hängst und nichts mehr weitergeht. Irgendwann war für mich sozusagen der ‚Break even-point‘ erreicht. Irgendwann habe ich mir einfach gesagt: Jetzt reicht es, dann mache ich es selbst. Ich habe ein, zwei Freunde aus meinem Umfeld gefragt ob sie sich vorstellen mit mir zusammen etwas in der Richtung zu starten und los ging es.
Gibt es weitere Sublabel? Wann und warum kamen diese dazu?
Nein, bis jetzt gibt es noch keine Sub-Labels.

Pete - Press/Booking
Wie kann man das Label, oder die Sublabel stilistisch einordnen? Gibt es klare musikalische Grenzen? Wo möchtet ihr am liebsten eingeordnet werden?
Stilistisch wollen wir unter Clubmusik eingeordnet werden. Mit kleinteiligen Unterscheidungen wie sie in der Szene oft anzutreffen sind, wo wirklich jede mickrige Abweichung als neuer Musikstil definiert wird können wir absolut nichts anfangen. Wir können verstehen, dass solche Geschichten für Presse und einen Teil der Szene, der sich aus div. Gründen separieren möchte wichtig sind, wir selbst denken aber nicht in solchen Kategorien. Prämisse ist, dass alles Musik für den Dancefloor sein soll.
Welche Medien veröffentlicht ihr? MP3, CD, Vinyl... Werdet ihr zukünftig Zusätzliche anbieten? Gibt es für euch auch “uninteressante“ Medien?
Wir veröffentlichen im Augenblick CDs und MP3s, hatten zu Anfang aber auch Vinyl gepresst. Allerdings gibt das der Markt nicht mehr her. Wenn man von einer Bombe, also einem richtig erfolgreichen Techno-Track, kaum noch 500 Stück verkaufen kann, dann fällt das schlicht unter Hobby denn damit lassen sich nicht mal die Produktionskosten decken. Auch gehen immer mehr Vertriebe pleite und der Markt der noch vorhanden ist zentralisiert sich immer mehr. Eine verständliche Entwicklung, aber gut heißen können wir das nicht. Als Reaktion auf den Markt haben wir uns dazu entschieden die Produktion von Vinyl einzustellen. Falls es wieder ein vermehrtes Interesse an Vinyl geben sollte, werden wir gerne wieder die Produktion aufnehmen, prinzipiell geht es uns aber vornehmlich um Musik und darum dem Hörer die Formate zu liefern die er möchte. Außerdem kommen wir uns mittlerweile selbst total bescheuert vor Platten zu verkaufen und selbst überhaupt gar keine mehr aufzulegen. Mir fallen bspw. bei der Promotionbemusterung keine Handvoll relevanter DJs mehr ein, die noch eine Vinyl-Platte haben wollen. Ein deutliches Signal wie wir finden.
Die neuen Medien bieten allerdings auch eine Menge Vorteile. Man hat die Möglichkeit Projekte zu realisieren, die musiklisch ein wenig riskanter sind und einen trotzdem nicht direkt ruinieren. Wir möchten auf jeden Fall in naher Zukunft eine Möglichkeit installieren um dem Käufer einen Mehrwert zur einfachen MP3 bieten zu können. Wir arbeiten an einem System, jedem Käufer einer Veröffentlichung von uns in einer Premium-Sektion zusätzliche Gadgets zum Release zugänglich zu machen um den Leuten einen Anreiz zu bieten sich die Sachen auch wirklich zu kaufen und nicht illegal aus dem Netz zu ziehen. Ein wenig in der Richtung der heutigen Deluxe-Editions bei Audio-CDs, wo auf einen zusätzlichen Datenträger, Fotos, Filme, Make-Offs und Hintergrund-Informationen zu finden sind.
Habt ihr einen eigenen Shop bzw. Webshop? Wie wichtig ist ein eigener Shop?
Bis jetzt haben noch keinen Shop. Der Hauptgrund ist allerdings ein Mangel von Zeit. Zweitens wollten wir auch warten bis tatsächlich genug content für den Shop vorhanden ist. Für Tonträger glauben wir nicht wirklich, dass das nötig ist da wir mit guten Partnern zusammen arbeiten, die einen flächendeckenden und reibungslosen Vertrieb aller unserer Produkte gewährleisten. Wir möchten uns auch eher auf Musik und künstlerische Konzepte konzentrieren. Die notwendige Logistik für den Eigenvertrieb von Tonträgern ist immens, deswegen probieren wir für physikalische Tonträger verschiedene Modelle aus um zu testen welche Konzepte sich als zukunftsfähig vor dem sich verändernden Musikmarkt erweisen. So wird die aktuelle Jack Codec-CD exklusiv bei Amazon erhältlich sein. Für uns der Vorteil ist, dass wir den Einzelhandel umgehen. Kleine Spartenplattenläden gibt es leider Gottes so gut wie überhaupt nicht mehr, und die Wahrscheinlichkeit bei großen Ketten im Sortiment aufgenommen zu werden ist mittlerweile gleich null. Abgesehen davon… wer geht heute noch zum Musik kaufen aus dem Haus? Von uns und unserem Freundeskreis eigentlich niemand mehr. Und wer hat keinen Amazon-Account, einen iTunes-Account oder bei irgendeinem anderen Download-Portal. Bei physikalischen Produkten halten wir den Preis so niedrig, dass selbst inklusive Porto der Preis für das Endprodukt noch unter dem in einemLaden liegen würde. Dadurch, dass Zwischenhändler wegfallen ist dies auch problemlos möglich. Es gibt auch keine Ausreden mehr für illegalen Download, nach dem Motto: „Da verdient die böse Industrie dran und das Label und die Künstler werden abgezockt.“ Wir suchen den direkten Weg zum Hörer und wer Musik und Produkte von Body Function kauft, der unterstützt Label und Künstler. Alles ist familiär und freundschaftlich aufgebaut und kommt bei denen an die man als Hörer auch supporten will.
Was sehr bald kommt und bei uns ganz weit oben auf dem Zettel steht ist ein Shop für Merchandising-Produkte. Weil wir Merchandising-Produkte ganz einfach lieben und der Bereich sowohl für Künstler, als auch für uns als Label völlig neue Möglichkeiten für den künstlerischen Ausdruck bieten.
Welche Länder werden von euch beliefert? Nutzt ihr einen Vertrieb, oder werden eure
Produkte im Eigenvertrieb ausgeliefert?
Digital arbeiten wir mit einem großen Vertrieb zusammen. Alle Produkte sind wirklich nahezu überall und in jedem Shop zu finden, ohne jegliche Einschränkung. Physikalische Produkte werden wir wie beschrieben versuchen auf neuen Wegen und direkt über Großhändler direkt zu vertreiben. Jack Codec – Explicit wird es zunächst exklusiv in Deutschland als CD geben, da dies für uns traditionell einer der größten Märkte ist. Wenn Nachfrage besteht, dann werden wir die Distribution weltweit ausweiten.
Allerdings glauben wir prinzipiell, dass in sehr, sehr naher Zukunft auch die CD komplett vom Markt verschwunden sein wird. Eine Entwicklung welche wir auch nicht gerade überragend finden, aber Entwicklungen darf man sich nicht verschließen. Andererseits eröffnen sich auch wirklich vielfältige Möglichkeiten Künstler auf neue Art und Weise auf dem Markt zu platzieren.

Wie werdet ihr auf neue Künstler aufmerksam?
Eins der großen Probleme im Digital-Zeitalter. Wir werden mit „Demos“ zugeschüttet. Allerdings sind wir nicht bereit uns Songs anzuhören, die als Massen-email rausgegangen ist. Wie groß kann die Identifikation mit dem Label sein, wenn man einer von teilweise bis zu 2000 (!) Empfängern ist? Ich verstehe teilweise die Leute nicht. Wie soll das bitte schön bei uns ankommen? Warum sollten wir uns für jemanden den Arsch aufreißen, ohne reale Aussicht auf großen Reichtum, wenn man bemustert wird auf dem Niveau einer Viagra-Spam-Mail, oder einer dieser ‚Super-Aktien-Werbungen‘?
Prinzipiell geht es heute fast nur noch rein digital. Ein guter und schneller Weg uns Demos zukommen zu lassen ist unsere Soundcloud-Drop-Box auf der Label-Homepage. Ansonsten funktioniert natürlich auch sehr viel mit bereits bestehenden Kontakten wie befreundeten DJs. Es ist natürlich klar, dass man sich ein Demo sehr viel genauer anhört, wenn man es von jemandem in die Hand gedrückt bekommt, dessen musikalischem Urteil man vertraut.
Ist es sinnvoller für ein Label, möglichst viele Künstler zu signen, oder ist “weniger - mehr”? Kann ein Label durch “je mehr - je größer” einen höheren Stellenwert bekommen?
Was da sinnvoller ist, muss jeder für sich entscheiden. Prinzipiell sind das zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle. Man kann theoretisch auf Masse gehen und im Monatstakt Maxis rausschiessen um so Umsatz zu machen oder behutsam und langfristig Künstler aufbauen. Das Konzept der Masse erscheint mir nicht wirklich sinnvoll. Ich kenne auch nur sehr wenig bei denen das auch nur im Ansatz klappt. Wichtig ist eine langfristige Bindung, denn gerade bei neuen Künstlern werfen die ersten Veröffentlichungen kaum etwas ab. D.h. sowohl das Label als auch der Künstler müssen im Vertrauen auf die Zukunft Arbeit im Extremfall auch umsonst zu machen. Denn gerade am Anfang ist es sehr viel wichtiger, dass Geld das reinkommt wieder in den Künstler zu stecken, als krampfhaft jeden kleineren Erlös zusammenhalten zu wollen.

Ascii Disko
Gibt es eine Demo Policy? Wer checkt die Demos und entscheidet welche Künstler eingeladen werden?
Ich habe es ja oben schon kurz umrissen. Wir sind immer und jederzeit daran interessiert neue Künstler zu signen. Allerdings ist es nahezu unmöglich sich alleine nur alles anzuhören. Dementsprechend darf man keine leider Antwort erwarten. So bitter wie es ist. Es bleibt dafür einfach keine Zeit. Aber wir können garantieren, dass wir uns alles anhören. Erstmal muss es mir gefallen, da ich die A&R-Arbeit übernehme. Wenn ich es gut finde spiele ich es den Leuten vom Label vor und gebe es dann weiter an befreundete DJs die zum erweiterten Umfeld des Labels gehören. Wenn alle meiner Meinung sind ist natürlich alles klar. Es kann aber auch sein, dass das Demo auf nicht so viel Zuspruch stößt und ich merke dass ich anfange das Demo zu verteidigen. Dann kann auch noch die Entscheidung für das Demo fallen. Denn wenn ich bereit bin gegen das Feedback meines Umfeldes eine Pro-Position einzunehmen, dann ist eigentlich auch alles klar. Was im Endeffekt bedeutet, dass es nur mir gefallen muss…
Wieviel Releases habt ihr durchschnittlich im Jahr? Wie lange werden diese zuvor geplant?
Immer länger… es ist wirklich unfassbar wie viel Vorlauf ein Release benötigt mit dem man wirklich was bewegen will. Einige Magazine erscheinen nur 2-monatlich, d.h. 3 Monate vorher muss alles fertig sein. Also müssen zu dem Zeitpunkt Mastering, Artwork, Pressefotos und alles andere fix und fertig sein. Für LPs würde ich ca. 5-6 Monate ansetzen. Bei Singles kann man das natürlich etwas schneller und mit weniger Vorlauf machen. Aber 2 Monate sind schon Minimum um einen vernünftigen Job zu machen.
Uns gibt es seit Anfang 2008 und wir sind jetzt bei Release-Nummer 008 und 009. Wobei wir auch 2 Vertriebspleiten in dieser kurzen Zeit mitgemacht haben. Dementsprechend ist immer auch eine Neupositionierung nötig. Ein weiterer Grund ist, dass wir die Lust verspürt haben etwas Größeres wie LP-Produktionen zu machen. Jetzt stehen wir mit 2 LPs nahezu gleichzeitig in den Startlöchern auf die wir mächtig stolz sind. Wenn wir da den ersten Promotionansturm gestemmt haben, werden wir die Schlagzahl erhöhen. Es wird auf jeden Fall im nächsten Jahr einen konstanten Output an Single-Auskopplungen aus den LPs geben, mit Remixen usw. Nebenher werden wir um Neu-signings kümmern. Es gab also nie einen besseren Zeitpunkt uns Demos zu schicken.
Gibt es eine Verbindung zur "Heimatstadt" des Labels? Denkst du das Label würde seine Identität verlieren wenn es in eine andere Stadt ziehen würde?
Ehrlich gesagt kann ich das mit nein beantworten. Da der Kern des Labels ursprünglich aus Frankfurt kommt ist eine tiefe Verwurzelung mit Köln nicht wirklich gegeben. Wir haben uns für Köln als Lebensmittelpunkt entschieden, weil uns die Stadt gefällt. Mit der Kölner Szene an sich haben wir kaum etwas zu tun. Es sind zwar alle sehr nett, aber ich vermute musikalisch gesehen halten uns hier alle für ziemlich undicht, da wir alles andere als den für Köln typischen Sound machen. Deswegen spielen wir in Köln eigentlich auch nie. In den meisten Läden läuft total minimaler Sound von dem ich ehrlich gesagt einfach nur wegpenne. Oft vermute ich, dass an mir der Trend sich Schlaftabletten in Höchstdosierungen zum Weggehen reinzuzimmern wohl vorbeigegangen ist. Wobei es hier schon auch coole Läden gibt. Allerdings gefallen mir genau die Clubs am Besten über die die meisten Kölner die Nase rümpfen, weil dort nur Auswärtige und aus deren Sicht Prolls aus dem umliegenden Einzugsgebiet hingehen. So denken hier tatsächlich viele. Aber das gibt es ja in jeder größeren Stadt. Auf einmal sind Läden nicht mehr cool, weil Auswärtige dann in die Clubs einlaufen. Ich verstehe so eine Einstellung wirklich NULL. Denn das sind genau die Leute die auch einfach auf die Kacke hauen als gibt es kein morgen. Ich finde genau so muss das sein. Mir geht nichts mehr auf den Wecker, als irgendwelche abgefuckten Medienfuzzis in der Midlife-Crisis die alle angeblich irgendwelche total hippen und wichtigen Projekte am Start haben und sich einfach zu geil dazu sind beim tanzen ins schwitzen zu kommen. Es muss ja nicht gleich in Plattitüden, Stumpfsinn oder Ballermann-Niveau abdriften, aber manche Leute übertreiben mit dem was Sie für cool halten ein wenig.
Aber ich bin abgedriftet… die Antwort ist nein. Wo immer wir als Label unsere Zelte aufschlagen würden, immer vorausgesetzt es würden alle mitziehen, wären wir zuhause.
Welchen eurer Releases würdest Du als den Erfolgreichsten bezeichnen?
Kommerziell gesehen lässt sich das leicht beantworten. Ascii.Disko - Jawbreaker und Jack Codec – Defibrillator, obwohl Defibrillator erst vor kurzem erschienen ist und jetzt schon an der Spitze steht. Freut uns natürlich riesig weil das Single-Auskopplungen aus den kommenden LPs sind. Wir sind allerdings sehr sicher, dass die beiden LPs, Jack Codec – Explicit und Ascii.Disko – Stay Gold Forever Gold, die erfolgreichsten werden. Die beiden Singles haben es ja bereits an die Spitze geschafft und das Feedback im Vorfeld ist für beide Releases wirklich hervorragend.

Neben den Verkaufszahlen welcher Release ist dein persönlicher Favorit?
Eigentlich auch die beiden. Natürlich meine eigene LP ‚Explicit‘. Wobei ich die jetzt erst wieder langsam genießen kann, weil die für mich musikalisch natürlich schon weit weg ist, beziehungsweise ich wieder etwas mehr Distanz zu den Sachen gewinnen konnte. Während der Produktion krieche ich dermaßen in die Tracks dass ich fast schon kotzen könnte. Ich bin absoluter Perfektionist und bis ich beschließe dass ein Track ist fertig, habe ich ihn tausende Male gehört. Erschwerend kommt hinzu, dass ich die Sachen auch selbst gemastert habe. Sollte man eigentlich nicht machen, aber da ich selbst ein Mastering-Studio betreibe, welches bezeichnenderweise the perfectionists heißt, lag das natürlich nah. Außerdem bin ich durch meine Masteringtätigkeit für andere Studios wohl der absolute Horrorkunde. An mir sind schon so mache verzweifelt. Ich höre natürlich ganz anders hin, als jemand der einfach nur produziert.
Dementsprechend habe ich die Lieder wirklich bis in die atomare Ebene zerlegt, nachdem ich mich ja vorher schon beim poduzieren ‚sattgehört‘ habe. Wie man sich vorstellen kann, bin ich mit den Tracks soweit dann erstmal durch. Um es vorsichtig auszudrücken.
Jetzt liegen allerdings ein paar Wochen Abstand zwischen der Fertigstellung und jetzt kann ich mir die Sachen wieder anhören wie ein Mensch. Ich muss sagen ich bin zufrieden, denn genau so wollte ich es haben und mehr kann man als Musiker nicht verlangen.
Dicht gefolgt kommt die kommende Ascii.Disko-LP. Da war ich auch sehr intensiv involviert, da Ascii.Disko auch noch ein sehr guter Freund von mir ist. Da habe ich den ganzen Prozess von den ersten Demos bis zum fertigen Produkt ganz nah miterlebt und dann auch abschließend gemastert. Dementsprechend ist mir die LP, mal abgesehen davon, dass ich sie musikalisch für großartig halte, auch wenn sie sich sehr von dem was ich mache unterscheidet, ganz besonders ans Herz gewachsen.
Niemand spricht gerne über Misserfolge, trotzdem, wie viel muss Zeit vergehen bis man einen Release definitiv als Flop bezeichnen kann? Gab es schon den Fall, dass sich ein Release erst gar nicht verkauft hat so dass man ihn als Flop abgeschrieben hat und plötzlich verkaufte er sich durch Zufall wie “geschnitten Brot“?
Sehr schwer zu sagen. Es kommt oft vor, dass ich zu Anfangs nicht zufrieden mit Verkaufszahlen bin, weil ich naturgemäß alles für so großartig halte, dass es sich meiner Meinung nach verkaufen sollte, als wäre es Ambrosia. Dann stehen ja auch schon die nächsten Releases an. Aber oft versöhnt mich der Blick zurück mit etwas Abstand. Sehr positiv ist, dass es eine konstante Entwicklung nach oben gibt. Wir konnten uns mit jedem Release steigern. Das ist nicht primäres Ziel, aber es freut uns natürlich.
Es gibt tatsächlich Platten die erst später anziehen. Ein Beispiel wäre vielleicht …until the light takes us von Ascii.Disko. Die hat sich am Anfang ziemlich durchschnittlich verkauft. Aber die hat sich einfach immer weiter verkauft. Normalerweise gibt es in den ersten Wochen natürlich immer ein peak und dann flaut dass stark ab. So ein Peak gab es bei der Platte nie wirklich, aber sie hat einfach nicht aufgehört sich zu verkaufen und ist so zu einer der erfolgreichsten Platten geworden.
Dein Gefühl: Würdest du sagen es ist für Label schwieriger geworden durch p2p, mp3...?
Ja, klar. Beziehungsweise kommt es darauf an was man für Ziele verfolgt. Es ist auf jeden Fall leichter Musik zu veröffentlichen. Leider hat dies Auswirkungen über die sich die meisten Leute wohl kaum im Klaren sind.
Zunächst ist es für ein Label eigentlich unmöglich nur vom Plattenverkauf zu existieren. Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass sich das Thema Vinyl in wenigen Monaten, max. Jahren, erledigt hat. Es sind in den letzten 24 Monaten soviel Vertriebe pleite gegangen wie in den letzten 10 Jahren nicht. Es konzentriert sich immer mehr, bis am Ende nur noch einer übrig bleibt. Eine Entwicklung die wir als hochgradig bedenklich ansehen und mit dem Konzept von Subkultur und Underground nicht zu vereinbaren sind. Im Endeffekt zieht man so eine Entwicklung in die Länge die nicht mehr aufzuhalten ist und am Ende immer unschöner wird.
CDs kann man eigentlich auch fast schon vergessen. Der Aufwand, den man betreiben muss um ordentlich Stückzahlen abzusetzen ist so immens hoch (Werbung/Radio/Fernsehen), dass das für kleine Labels nicht zu stemmen ist und eigentlich auch kaum noch die Kosten einspielt. Neben der Tatsachen, dass es extrem kommerzielle Musik voraussetzt.
Im digitalen Sektor gibt es ein weiteres Problem durch einen Umstand der, wenn man ihn oberflächlich betrachtet, eigentlich zu begrüßen ist. Wie eben bereits erwähnt, ist es mittlerweile für jeden möglich seine Musik zu veröffentlichen. Das Problem ist einfach, dass es keinen Qualitätsfilter mehr gibt. Es wird halbgares Zeug auf den Markt gekloppt ohne Rücksicht auf Relevanz. Das heißt es ist eigentlich überhaupt nicht mehr möglich einfach nur in einem Laden ‚rumzustöbern‘ und dort neue, unbekannte aber gute Sachen zu finden. Allein durch die Masse an Veröffentlichungen ist ein riesen Aufwand an Werbung notwendig, dass Sachen überhaupt registriert werden. Spätestens wenn man sich die zehnte Veröffentlichung mit jeweils 5-10 völlig sinnlosen Remixen reingezogen hat, sind die ‚Ohren zu‘. Das Resultat ist, dass man zwangsläufig nur noch Sachen registriert die zum einen massiv beworben werden oder man greift auf Sachen zurück die man ohnehin schon kennt. Dies führt dazu, dass die an sich romantische Idee von musikalischer Basisdemokratie, zu einer Zentralisierung beiträgt und eigentlich den ‚Großen‘ in die Hände spielt.
Welche Medien nutz ihr für die Promotion? Wie wählt ihr eure Medienpartner aus? Im Allgemeinen, wie wichtig sind die Medien heute für die elektronische Musik? Was ärgert dich am meisten wenn du mit den Medien arbeitest? Eine schlechte Review, keine Rückmeldung...
Wir nutzen alle zur Verfügung stehenden Mittel: Radio, Blogs, soziale Netzwerke, eigene Datenbanken, Web-TV und natürlich Zeitschriften (sowohl Print als auch online).
Wir suchen die Medienpartner zunächst danach nach Produkt und Zielgruppe aus. D.h. wir schauen was haben wir und wem könnte es gefallen. Dann wird anhand des Budgets entschieden was möglich ist und was nicht. Und auf welchem Wege können wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln die meisten Leute erreichen.
Geärgert haben wir uns am Anfang über eine ausbleibende Rückmeldung. Ziemlich frustrierend, da man sich denkt: Wir haben uns hier ziemlich weit aus dem Fenster gehängt und uns echt Mühe gegeben, da kann man eigentlich eine Antwort erwarten. Heute wissen wir dass man nicht alles so persönlich nehmen muss. Hier leidet auch ständig jeder unter notorischer Zeitnot und leider ist das erste was dann auf der Strecke bleibt die Höflichkeit. Warum sollte es den Medien anders gehen? Ein schlechtes Review braucht eigentlich kein Mensch. Die alte These auch schlechte Werbung ist gute Werbung halte ich für Quatsch. Wenn dann muss Negativ-Werbung schon skandalöse Ausmaße annehmen um irgendwie einen nutzbaren Werbeeffekt zu erzielen. Gerade in der Presse, wo sich viele selbst als Musiker versuchen, sollte eigentlich verstanden werden, dass erstens alles Geschmackssache ist und zweitens niemand gerne eine niederschmetternde Kritik hört. Eine sachliche Kritik, in der einfach zum Ausdruck kommt dass der Rezensent mit der Musik nichts anfangen kann ist total legitim. Aber manchmal spürt man gerade bei Negativ-Kritik oft den persönlichen Frust des Schreibenden und man denkt sich: „Ist bestimmt eine total üble Sache gewesen damals, aber was genau kann der Musiker dafür?“ Aber auch da stumpft man ab. Das was ein Rezensent auf das übelste kritisiert, wird von einem anderen als genau einer der Punkte herausgestellt, der diese Platte zu einer herausragenden macht.
Musik ist ein Geschäft wie jedes andere. Wie wichtig sind im Umgang mit Künstlern, Promotern und Vertrieben die Freundschaft und das Vertrauen? Trennst du diese Dinge im Geschäftsleben?
Musik ist für uns nicht ein Geschäft wie jedes andere. Denn wenn es nur um das Geschäft gehen würde hätten wir uns mit Sicherheit etwas lukrativeres ausgesucht als die Musikbranche. In vielen Situationen muss man Verzicht üben und über die Schmerzgrenze hinausgehen. Da ist es nicht zu akzeptieren seine Zeit mit Menschen zu verschwenden die einem auf die Nerven gehen. Außerdem ist einer der Hauptgründe in das Geschäft Musik einzusteigen, weil man sich mit Gleichgesinnten umgeben und zusammentun möchte. Da gehen die Grenzen zwischen privatem und Geschäft automatisch ineinander über. Das birgt natürlich auch Probleme in sich, aber es ist für uns der größte Vorteil an dem Ganzen mit Freunden zusammenarbeiten zu dürfen.
Dein ganzer Tag, dreht sich vermutlich um das Geschäft mit "Musikmedien" Gehst du trotz allem noch in einen Plattenladen um Musik zu kaufen?
Klares Nein! Das ist politisch natürlich ziemlich unkorrekt, aber alles andere wäre gelogen. Erstens bekommen wir so unfassbar vielen Demos und Promos, dass es eigentlich nicht zu schaffen ist sich alles anzuhören. Und wenn man dann etwas kaufen möchte, dann bekommt man es in den großen Läden nicht, weil das Sortiment aufgrund der angespannten Marktlage immer kommerzieller wird. Wir beziehen mittlerweile fast alles über das Internet.
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Photos by permission of Body Function
Interview Michael Mück/March 2010
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