Stefan Goldmann - March 2010 GERMAN VERSION



CM>>>Stefan, Ende letzten Jahres hast du auf deinem Label Macro Recordings das verschollene Album „Catholic“ von Patrick Cowley zusammen mit Jorge Socarras veröffentlicht. Doch bevor wir über diesen besonderen Release sprechen möchte ich dich gerne Fragen was dich persönlich an der Person Patrick Cowley fasziniert?

Stefan>>> Das ist schwer zu sagen, weil es mir vorrangig um Musik geht und erst in zweiter Linie um die Personen dahinter. Also manchmal gibt es unglaubliche Musik von unsäglichen Personen oder Belanglosigkeiten von extrem netten oder interessanten Menschen. Wenn es um Macro geht oder darum, mit wem ich arbeite, versuche ich das natürlich möglichst beides in positivster Form zu haben. Bisher klappt es ja auch erstaunlich gut – die Leute, die hier veröffentlichen, sind von Santiago Salazar und Kristiina Tuomi bis Jorge Socarras eigentlich alle eine große Bereicherung auch jenseits der Bühne.

Patrick Cowley kenne ich natürlich nur aus Anekdoten und das Bild ist sehr bruchstückhaft. Der zentrale Punkt ist sicherlich, dieser One-Man-Band-Gedanke, den er gerade bei Catholic voll ausgelebt hat. Das hat etwas sehr prototypisches für mein eigenes Berufsbild, das ja doch recht jung ist. Dann natürlich die Weitsicht, sich nicht auf eine Stilistik zu beschränken – das hat mich beeindruckt, wie selbstverständlich er da herangegangen ist. Aber ich mache so was weder aus Personenkult noch aus Faszination über irgendeinen Zeitgeist. Mich interessiert bei so einem Projekt einzig und allein: Hat diese Musik heute eine Berechtigung? Hat das Bestand? Ich glaube, das kann man beides bejahen. Mit Retro habe ich nämlich nichts am Hut.  

 
CM>>> Wie bist du auf das Album gestoßen, hast du bewusst danach gesucht oder ist das Ganze eher zufällig geschehen?


Stefan>>> Ich war auf Tour in San Francisco und als ich am Morgen nach einem Auftritt im Garten des Metro Hotels saß und Kaffee trank, zauberte Ken Woodard, ein Filmemacher und DJ dort, plötzlich dieses Tonband aus der Tasche. Er wusste, dass wir bei Macro die Prototypes-Reihe haben – also die Wiederveröffentlichung von visionären Musikentwürfen, die in kein gängiges Klischee passen – da dachte er, mich könnte das interessieren. Tat es dann auch. Das ist übrigens der Kern dieser Sache: HiNRG hätte mich nicht interessiert. Das gibt es schon. Über das Material auf Catholic kann man das so nicht behaupten.


CM>>>Kam bei dir ein Gefühl von nervöser Goldgräberstimmung auf als du von dem Album gehört hastest, oder wie würdest du deine Gefühle an diesem Tag beschreiben
?

Stefan>>> Ich habe natürlich sofort erkannt, dass es keine B-Ware ist. Es werden ja oft vermeintliche Schätze irgendwelcher Legenden ausgegraben und dann sind es Experimente, die sie selber aus gutem Grund unterdrückt haben. Ich hatte es in Berlin Finn Johannsen vorgespielt und der fiel fast vom Stuhl. Er meinte sofort: das muss raus. Und das war dann beschlossen. Ich war aber zunächst skeptisch. Die erste Kopie, die ich davon zu hören bekam, war etwas abschreckend. Teilweise war die Qualität so schlecht, dass ich dachte: Das ist nicht zu retten. Zum Glück sind dann noch andere Bänder aufgetaucht – das ging dann.


CM>>>Weißt du heute wie es möglich war dass gerade dieses Album verschollen ist und was der Grund war warum es nie veröffentlicht wurde? Ich hätte mir vorstellen können das Patrick als einer DER bekanntesten HiNRG  Produzenten doch in seinem Dunstkreis genügend Freunde, Verwandte oder was auch immer hatte, die ein Interesse, egal aus welchen Beweggründen, gehabt haben müssten dieses Album zu veröffentlichen?


Stefan>>> Zunächst lag das Album nur als Demo vor, so gegen 1977. Jorge ist dann nach London gegangen und Patrick wurde ein Superstar, der alle Hände voll zu tun hatte. 1979 hat er dann praktisch das gesamte Album überarbeitet und wollte es auf Megatone herausbringen, das sein eigenes Label war. Nur dummerweise hatte er Partner, die dagegen ein Veto einlegten. Dann blieb es erstmal liegen, mit der Idee: erstmal die Hi NRG-Karriere weiterverfolgen, dann kriegt man woanders einen besseren Vertrag dafür. Dann kam plötzlich Aids und er konnte sich darum nicht mehr kümmern. Nach seinem Tod hat sich niemand darum bemüht. Marty Blecman und John Hedges von Megatone hatten die Bänder, wussten aber nichts damit anzufangen. Patricks Verwandte haben die Rechte an seinen Megatone-Aufnahmen verkauft und haben sich nicht weiter interessiert. Und Jorge Socarras wollte sich erstmal nicht aufdrängen. So sind dann dreißig Jahre vergangen.


CM>>>Nach dem du die Bänder zu dem Album entdeckt hattest, wie schwierig war es die Rechte an dem Album zu klären? Gab es Momente in denen auch die Gefahr bestand, dass die Veröffentlichung nicht stattfinden würde?
Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen dass die Coverversion von Donovan’s „Hurdy Gurdy Man“ gewisse Probleme aufgeworfen hat?


Stefan>>> Es war eigentlich hauptsächlich schwer, die einzelnen Leute zu finden. Zum Glück gehören die Rechte nicht Megatone – deren gesamter Katalog ist weiterverkauft worden und liegt weitgehend unter Verschluss. Das hätte es verhindern können. Sobald wir die Inhaber lokalisiert hatten, war es zumindest juristisch einfach. Da muss man einfach einen überzeugenden Vertrag vorlegen können und einen guten Leumund haben, wie das so schön heißt. Die Bereitschaft war aber sofort da. Keiner hat gesagt: nein, das wollen wir nicht. Was die Coverversionen angeht, ist der Vorteil, dass man nur einen Bogen Papier bei der GEMA ausfüllen muss und schon kann veröffentlicht werden. Für Rechte an Kompositionen gibt es ein wunderbar einfaches Lizenzierungssystem. Man muss nicht mal den Verlag anrufen.

 


CM>>>Hast du einen persönlichen Favoriten bzw. Lieblingssong auf dem Album?

Stefan>>> Wo soll ich da anfangen? You Laugh At My Face? I Remember? Robot Children? Hurdy Gurdy Man? Eigentlich finde ich das alles großartig.


CM>>>Vielleicht eine sehr indiskrete Frage, aber war das Klären der Rechte auch mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden – oder muss man sich das Ganze nicht so dramatisch vorstellen?

Stefan>>> Ach ja, gute Labelarbeit ist immer auch eine Geldfrage. Wer seine Künstler und deren Vertreter nicht bezahlen kann, soll einfach kein Label machen oder halt nur sich selbst veröffentlichen. Vorrangig braucht man aber eine Seriosität, die es überhaupt erst ermöglicht, solche Verträge abzuschließen wie über dieses Cowley-Album. Das muss man sich erarbeiten und ich denke, wir haben das geleistet. Dabei hatte ich es zum Glück hier auch mit Leuten zu tun, bei denen Geld mit Sicherheit eine Rolle spielt, aber nicht an erster Stelle steht. Davor kommt die Frage: Was kann für die Musik geleistet werden? Dass die Strukturen, auch finanziell, da sein müssen, um so etwas angemessen verarbeiten zu können, ist selbstverständlich. Für mich zumindest.


CM>>>Noch eine Spielverderberfrage, ist der Release eines Albums nach immerhin Dreißig Jahren nicht auch mit einem gewissen Risiko behaftet, dass es bei seinem Erscheinen gar nicht mehr wahrgenommen wird?

Stefan>>> Die Zeit ist günstig. Mitte der 90er wäre es wohl untergegangen. Wir begegnen gerade einem Interesse an Patricks Arbeit, das es so seit den 80ern nicht mehr gab. Da konnten wir mit dem Album viel an der bisher etwas engen Wahrnehmung seiner Künstlerpersönlichkeit korrigieren. Jorge sieht es auch so, dass die Zeit jetzt wirklich reif war. Ich glaube, es war eine sehr günstige Konstellation.


CM>>>Auf der anderen Seite ist nahezu unglaublich wie zeitlos das Album klingt, man merkt die Post-Punk Einflüsse, aber genauso wie erste Dance und Electro Einflüsse. Absolut faszinierend – was meinst du wie kann man dieses Album deiner Meinung nach einordnen? Wegweisend...

Stefan>>> Als das gemacht wurde, gab es ja gar kein Electro. Auch mit dem, was nach Post-Punk klingt, muss man vorsichtig sein. Die Songs standen 1976 eigentlich weitgehend fest. Die Verbindungen sind demnach originär. Wir hören Referenzen herein, die es historisch gar nicht geben kann. Das ist sehr bemerkenswert, weil das für beide Richtungen gilt. Das Album haben ja überhaupt maximal zehn Leute gehört damals. Trotzdem haben auch andere diese Verbindung hergestellt – z.B. Bill Laswell und Material Anfang der 80er in New York. Trotzdem sind Sachen wie der Minimalismus von „You Laugh At My Face“ oder „I Remember“ einmalig. Es hätte enorm einflussreich sein können, wenn es erschienen wäre. So ist es in der Rückschau ein wichtiges Zeugnis für die trotz allgemeinen Fantums unterschätzten Qualitäten von Patrick Cowley als Produzent und Arrangeur. Der konnte einfach mehr als „nur“ Hi NRG erfinden.


CM>>>Was für Reaktionen gab es auf den Release von Catholic?

Stefan>>> Sehr positive. Man ist fast versucht zu sagen: natürlich. Ich glaube, es ist schon verstanden worden, was das jetzt ist. Besonders gefreut hat mich, dass sich viele, die mit der allgemeinen Disco-, Hi-NRG-, Post-Punk- usw. Wiederaufbereitung wenig am Hut haben, sich sehr dafür begeistern konnten. Ich denke da an Surgeon oder Peter Kruder oder Mode Selektor. Ich finde es sehr positiv, wenn es nur noch um Qualität und nicht um Distinktion geht. Wir haben das ja mit den Remixen auch so aufgezogen, dass da eben nicht die Epigonen zum Zug kommen. Cowley hätte es ja auch nicht ausgehalten, dreißig Jahre lang den gleichen Sound zu produzieren. Dafür war er zu experimentell veranlagt. Das war lustig, dass eigentlich alle mit dem Gedanken da heran gegangen sind: Wie würde Cowley heute klingen? Ich finde das sehr spannend.


CM>>>Patrick Cowley wird von vielen großen Künstlern auch heute noch als Wegbereiter und wegen seinem großen Einfluss auch auf die Dancemusik verehrt... gab es seit dem Release auch eine Rückmeldung von Prominenter Seite?


Stefan>>>Klar, aber wir sind ja hier nicht bei der Gala (lachend).

CM>>>So wie ich das Album heute in Händen halte, war es so auch seitens Patrick und Jorge geplant? Ich meine die Reihenfolge der Tracks, das Cover?
Zum Beispiel die Fotos auf dem Cover, wie bekommt man solches Material?
Gab es darüber Aufzeichnungen oder Zeitzeugen, oder musstest du auch bei der Gestaltung des Albums hinsichtlich Aussehen und Titelfolge improvisiere
n?

Stefan>>>Die Reihenfolge der Tracks ist tatsächlich so festgelegt gewesen. Das Cover ist neu. So weit waren sie nicht, dass es das schon gegeben hätte. Wir haben es mit Jorge abgesprochen und dabei ist dieses Kreuz zustande gekommen mit Patrick und Jorge in der Mitte. Es gibt überhaupt nur vier Fotos oder so von beiden zusammen.
Die Fotos haben wir sehr mühselig zusammengesucht. Ich glaube, wir haben gerade das beste Cowley-Fotoarchiv der Welt. Natürlich nur im Digitalformat. Die Originale sind bei ihren Eigentümern. Die meisten Bilder wurden nun zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Wir haben z.B. Patricks ehemalige Mitbewohnerin gefunden und sie überredet, ihren Keller zu durchwühlen. Dabei kam das Foto zutage, wo Patrick und Jorge in dieser Superhero-Pose nebeneinander stehen. Das hatte seit 1980 oder so niemand mehr gesehen gehabt! Ansonsten ist die komplette Gestaltung mit Jorge abgesprochen, der bei allen Schritten vom Remastering bis zur Bewerbung involviert war. Nicht umsonst ist er ja als Executive Producer der 2009er Veröffentlichung mit aufgeführt.


CM>>>Wenn ich etwas dreißig Jahre in die Ecke stelle sieht es meistens nicht mehr so frisch aus, in welchem Zustand waren die Aufnahmen? Ich denke es waren doch bestimmt 8 oder 16 Spur Bänder... wo konntest du dir die Aufnahmen zum ersten Mal anhören? Nicht jeder hat heute noch ein Tascam oder Ampex in der Ecke stehen?

Stefan>>> Das eigentliche Band lag mindestens 25 Jahre im Keller von John Hedges. Dafür sieht es erstaunlich gut aus, aber eben nicht wie im Falle einer archivgerechten Lagerung – konstante Temperatur, niedrige Luftfeuchtigkeit und so weiter. Es war zuerst nicht vielversprechend, aber heutzutage gibt es großartige Möglichkeiten der Vor- und Nachbereitung. So schlimm war es nicht, aber es war definitiv eine ingenieurstechnische Herausforderung.
Ken Woodard hatte die Bänder noch in San Francisco digitalisieren lassen. Leider gleich mit ganz schlechter Rauschunterdrückung, so dass alles klang wie eine Unterwasseraufnahme. So haben wir das zuerst gehört, bevor wir eine ordentliche Digitalisierung bekamen.


CM>>>Das Album bzw. die Bänder wurde von wem restauriert und remastert?


Stefan>>> Dubplates und Mastering in Berlin. Rashad Becker hat mit sehr viel Mühe das Album aus dem Rauschen gemeißelt. Es gab viel zu tun, aber der A-B-Vergleich ist überzeugend, finde ich.


CM>>>Wer hatte die Idee das Album an Patrick Cowleys Geburtstag den 19. Oktober herauszubringen? Oder wurde der Wunsch von Freunden Patricks geäußert?

Stefan>>> Das hat sich so ergeben. Wir haben dann gemerkt, dass wir ziemlich genau zu seinem Geburtstag in den Läden sein können – so wurde dann der Termin festgesetzt.


CM>>>Kann man die Zeit benennen die du für diese Veröffentlichung aufgewendet hast? Und wenn du ein, hmm... nennen wir es ein emotionales Resümee ziehen müsstest, was käme heraus? Stolz, Befriedigung,...  Hat dieser Release zum Teil neue Freundschaften hervorgebracht?


Stefan>>> Zeit? Viel zu viel! Es ist natürlich toll, so was zu leisten, aber eigentlich bin ich Musiker und nicht Kurator in einem Museum. Gelegentlich kommen jetzt Leute an mit der Andeutung, sie hätten da dieses und jenes liegen. Da muss ich erstmal abwinken. Ich habe genug mit der Gegenwart zu tun. Aber besonders toll finde ich, dass wir Jorge Socarras ausfindig gemacht haben. Ein unglaublich interessanter und netter Typ – er gehört jetzt gewissermaßen zur Familie. So was macht natürlich vieles wett.  


CM>>>Aber das neue Jahr geht spannend weiter – ich habe vor ein paar Tagen einen Newsletter bekommen in dem die Premiere deiner „Composition for ballet“ angekündigt wurde. Zusammen mit „Elektro Guzzi“ und dem Choreograph Kevin O’day gibt es ein Live Performance mit Ballet. Erzähl mal was passiert da genau?


Stefan>>> Das Nationaltheater in Mannheim hat angefragt, ob ich nicht eine einstündige Ballettmusik komponieren möchte. Das kam über meine Stravinsky-Bearbeitung, die ich letztes Jahr gemacht hatte – „Sacre“ war ja ursprünglich eine Ballettmusik, deshalb ist man dort hellhörig geworden. Ursprünglich hatten wir überlegt, „Sacre“ auch choreographisch als „Edit“ anzulegen – sprich eine Collage aus bestehenden Choreographien. Dann haben wir aber gesagt: es wird etwas komplett neues, vollständig Eigenes gemacht.

Bedingung war dann, dass ich da nicht nur mit Elektronik auf der Bühne stehe, sondern Live-Musiker mit einbinde. Wir haben uns dann für Elektro Guzzi entschieden. Das ist eine ganz großartige Band aus Wien, die Techno live spielen. Wirklich live – nur Gitarre, Bass, Schlagzeug. Die sind absolut einmalig und wir veröffentlichen deren Debüt auf Macro dieses Jahr. Ich produziere eine Art elektronisches Gerüst und Elektro Guzzi füllen das sozusagen instrumental auf. Kevin O’day choreographiert das Ganze und die Uraufführung ist dann im Opernhaus– das ist wirklich ein Großprojekt und ich sitze da Tag und Nacht dran gerade.


CM>>>Und zu welchem Anlass findet das Ganze statt? Im Rahmen eines Festivals?


Stefan>>> Das ist ein Auftrag des Jetztmusik-Festivals, das an die Time Warp gekoppelt ist.



CM>>>Elektro Guzzi ist im klassischen Sine eine Band mit Schlagzeug, Bass und Gitarre, wie bist du auf die Drei aufmerksam geworden
?

Stefan>>> Sie haben ein Demo geschickt. Und einen Vertrag zurückbekommen. Patrick Pulsinger produziert die. Das ist natürlich auch schon sehr hilfreich. Ansonsten sind die einfach einmalig. Mit fällt nichts Vergleichbares ein. Wenn ich auf so was stoße, ist es eh meist um mich geschehen. Mein Rezept gegen Langeweile ist Lückenschließen. So entstehen Projekte wie „Voices Of The Dead“ oder der Sacre Edit und so weiter. Techno und Live wird ja seit eh und je versucht. Denen ist es dann halt gelungen. Da ist eine Lücke geschlossen worden. Und zwar eine ziemlich große, wenn man mich fragt.

CM>>>Wie bist du auf die Idee gekommen ein solches Projekt auf die Beine zu stellen? Klar du hast selber mal in einer Band gespielt, aber das Ganze mit einem Ballet zu verbinden – bist du grundsätzlich an Ballet interessiert?

Stefan>>> Meine einzige Berührung mit Ballett war wie gesagt „Sacre“. Und da auch nur mit der musikalischen Seite. Ich spreche die Musik mit Kevin O’day ab, das Ensemble visualisiert dann aber die Musik. Ich vertone nichts. Es ist ein besserer Rahmen als jetzt einfach zu sagen: ich trete nun mit einer Band auf. Es ist klarer, konzentrierter. Ich finde so was wichtig – dass man Dinge nicht einfach so macht, sondern einen möglichst stringenten Rahmen findet.


CM>>>Wie lange dauert die Aufführung?


Stefan>>> Eine Stunde, unterteilt in zwei mal 30 Minuten.

CM>>>Wird es weitere Auftritte geben? Oder ist die Performance eine einmalige Sache?


Stefan>>> Das Stück geht eventuell noch auf Tour, dann aber auch international. Das Interesse ist bei allen Beteiligten da.
 

CM>>>Als ich über Mannheim nachgedacht habe – fiel mir meine Kindheit ein München-Augsburg-Mannheim etc. Ich bin als Kind oft zwischen Verwandten und Städten hin und her gependelt und wir sind sehr oft umgezogen... nur als Erklärung für meine Frage. Mir ist aufgefallen, dass man bei dir immer den Hinweis auf den Wohnort Berlin-Sofia liest. Pendelst du zwischen den Städten? Ist Sofia deine zweite Heimat?

Stefan>>>Ja, so etwas in der Art. Ich bin als Kind teilweise in Sofia aufgewachsen. Ich bin oft dort und habe auch eine Wohnung. Ganz hinziehen werde ich wohl nie – dazu ist Berlin einfach zu optimal, immer noch. Aber ich binde mich gerne an Orte und komme immer gerne wieder. Auf Tour interessiert mich alles – ich fliege für einen einzigen Auftritt auch schon mal 13 Stunden in eine Richtung. Aber ansonsten gehe ich lieber zum zwanzigsten Mal in irgendein Dorf in Griechenland, statt möglichst weit gestreute Punkte auf dem Globus abzuhaken – also diese Angeberei: heute Dubai, morgen Bali. Ich finde das auch lustig, wenn irgendwelche DJs nach ihren Lieblingsclubs gefragt werden und dann kommt so eine Liste: Sapporo, Florianopolis, Bahrain. Also die beste Nacht hatten sie in Ingolstadt, aber das klingt halt nicht so.


CM>>>Dein musikalischer Lebensweg ist soweit sehr abwechslungsreich und erfolgreich gewesen. Von Drum and Bass zu House und Techno, ein Signing bei Classic, Perlon und Mule... Klar von nichts kommt auch nichts, aber neben deiner Kreativität, würdest dich auch gewissermaßen als Glückskind bezeichnen der oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort war?


Stefan>>> Nein, gar nicht. Ich glaube mir wurde, was irgendwelchen Erfolg angeht, nichts geschenkt. Das mag wie ein Klischee klingen, aber ich habe abwegig viel Zeit und Arbeit investiert. Und die Arbeit wird auch nicht gerade weniger. Das hat auch den Vorteil, dass ich nie in die Gefahr kam, durch irgendeinen Hype verheizt zu werden. Vielleicht habe ich in sofern Glück, dass ich die Möglichkeit hatte, meinen Weg zu gehen, ohne plötzlich für irgendeine Tagesaktualität die Gallionsfigur abgeben zu müssen und dann sofort wieder vergessen zu werden. Es war natürlich schön, gleich bei Classic anzufangen. Aber ich habe schnell gemerkt: Du bist da nur einer von ganz vielen. Luke und Derrick waren wie Kinder in einem Bonbonladen. Sie haben einfach alles herausgebracht, worauf sie gerade Lust hatten. Aber als Künstler war es dann oft frustrierend, weil man halt dauernd zu kurz kam. Es gab dann Classic-Parties in London und Barcelona und Rio, aber gespielt habe ich da kein einziges Mal. Das gleiche hat sich dann noch mal mit Innervisions wiederholt. So richtig gut geht das eigentlich alles erst, seit hinter meinem Namen nur noch Macro steht und sonst nichts.



CM>>>Aus deiner Sicht als Künstler ist das Business bzw. die Halbwertzeit eines Künstlers mittlerweil noch kürzer geworden? Oder folgt das Business im Bereich der elektronischen Musik anderen Moden und Regeln?  


Stefan>>>Vielleicht beides. Wir kannten das lange Zeit so, dass jemand der ein bisschen etwas kann zehn Jahre Karriere hat und dann in der Regel verschwindet. Die große Ausnahme sind Leute, für die das nicht zu gelten scheint. Also Francois K z.B. hat mit Sicherheit die längste Karriere. Und Hawtin, Garnier oder Mills sind einfach nicht mehr wegzudenken. Das gibt einem Hoffnung. Auf der anderen Seite ist es für die, die jetzt nachrücken so schwer wie nie zuvor. Da scheint die Halbwertszeit bei unter einem Jahr angekommen zu sein. Es liegt einerseits am radikal einfachen Zugang und der Hektik des Marktes, sich in immer kürzeren Abständen „frischer“ Leute zu bedienen. Da hat jemand seine ersten zwei Singles produziert und wird prompt durch die komplette Presse- und Clublandschaft gereicht. Nur um nach drei Monaten ersetzt zu werden. Ich finde das brutal und ich weiß nicht so recht, was man jemandem raten sollte, der jetzt gerade anfängt. Mich betrifft das eher peripher – also in der Frage, wen man sich aufs Label holt. Ich gehöre sozusagen zur letzten Generation, die noch eine Karriere aufbauen konnte. Man sieht das an der Presse – die Berichterstattung funktioniert nach einem ganz anderen Muster. Ich glaube ich könnte auch mal ein Jahr Urlaub machen und wäre trotzdem nicht gleich abgemeldet. Bei denen, die in den letzten drei Jahren hochgeschossen sind, werden zwei Wochen ohne Release als Karrierebruch wahrgenommen.
Für alle hat die Halbwertzeit, vor allem von Singles, drastisch abgenommen. Aber das heißt eigentlich nur, dass man sich auf andere Formate und Produkte konzentrieren kann. Wenn Singles nicht mehr geschätzt werden, dann liegt es in der Hand der Künstler und Labels, ihren Output zu verknappen. Das tun ja auch viele der wirklich guten.


CM>>>Erst kürzlich habe ich wieder so einer unsäglichen Diskussion zuhören müssen, dass Früher alles besser war  - die Partys, die Djs, die Musik, die Stimmung... Aber im Ernst gibt es deiner Auffassung tatsächlich Dinge die in dieser Szene besser waren? Oder lebst du auch für den ... ich sag es mal so für die Qualität des Moments?


Stefan>>>Früher war immer alles besser – wir wissen das nur immer erst hinterher. Es gibt diese babylonischen Keilschriften, so um den Kodex Hammurabi herum, in denen steht, dass die Jugend zu nichts mehr taugt und der Untergang der Zivilisation unmittelbar bevorsteht. Das findet sich seitdem in jeder Epoche. Die hilfloseste Reaktion ist, dann einfach die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Also all diese Disco-Parties, die es dann plötzlich gibt. Oder House streng nach Neuem Testament. Es ist eigentlich ein gutes Klima, um etwas komplett anderes zu machen. Schlimm sind einfach dieser Versuch, etwas noch mal leben zu wollen. Verstehe mich nicht falsch – ich höre den ganzen langen Tag Musik, die älter ist als ich. Aber ich habe überhaupt nicht das Bestreben, die nachzuformen. 1980 haben sie ja auch nicht versucht, Hippierock neu auferstehen zu lassen. Die Frage muss eigentlich immer lauten: Was kann ich jetzt an eigener Leistung erbringen? Die Party als Museum ist da sicherlich ein netter Scherz gewesen, aber sobald sich das institutionalisiert, ist es nur noch langweilig. Davon aber mal abgesehen, haben eigentlich alle gerade eine super Stimmung. Was von der Musik bleiben wird, weiß ich nicht, aber das Nachtleben wird bestimmt gnädig in Erinnerung bleiben.


CM>>>Vielleicht werden solche Diskussionen aber auch durch die ständige Verfügbarkeit von Allem, überall in großen Mengen ausgelöst? Ich meine sich mit einer Sache oder mit einer Botschaft auseinander zusetzen ist aufgrund der digitalen Flut oft für den Zuhörer sprich Empfänger schon schwierig?

Stefan>>> Schwierig? Unmöglich. Die Auseinandersetzung findet digital überhaupt nicht statt. Ich könnte mich jetzt auch lange über den Markt beschweren, aber eigentlich ist es so: Die sogenannte Demokratisierung hat nicht funktioniert. Alle glaubten, Zugang zu haben. Nur dieser Zugang ist für sich genommen nichts mehr wert, weil es niemanden interessiert, dass DJ XY aus Z eine Platte herausgebracht hat. Ich bekomme auf bestimmt zehn verschiedenen Kanälen jeden Tag dutzende Aufforderungen, irgendein File anzuhören. Trotz Spamfilter und Aufforderung, mir nichts zu schicken. Das Ergebnis ist, dass ich mir überhaupt keine Files mehr anhöre. Der Vorteil ist, zynisch gesprochen, der: Die Kanäle sind andere und sie lassen sich mit Ausdauer und Inhalten erobern, also mit den Merkmalen, die am auffälligsten aussterben. Ich habe z.B. gerade ein Album auf Kassette veröffentlicht und ich habe mir da sehr viel Mühe gegeben. Niemand sonst würde in so ein Format mehr Produktionszeit als unbedingt nötig investieren. Allein das hat enorme Aufmerksamkeit nach sich gezogen. Mit irgendeinem File auf Beatport wäre das nicht passiert – egal wie gut der Track dahinter wäre. Wenn man das erkannt hat, ist die Masse nicht mehr so bedrohlich, weil sie sich selbst aufhebt. Es gab zwar eine Zeit, da hatten viele echte Existenzangst. Aber es ist gerade wieder einfacher geworden, so lange man wirtschaftlich nach der Maxime handelt „Alles Populäre ist falsch.“
 
Eventuell ist die Zukunft sowieso die, dass die Künstler, die wirklich etwas zu vermitteln haben, sich aus der Verfügbarkeit zurückziehen werden. Stelle Dir einen großartigen Track vor, den es ein einziges Mal gibt – auf Dubplate. Oder sozusagen der Rückfall ins Mittelalter – die Musik gibt es nur noch in Anwesenheit des Künstlers. Diese Propaganda, dass man in Zukunft seine Musik allen verschenken wird, um von den Auftritten zu leben, ist ja von der Realität entkräftet worden – eben weil alle das praktisch schon so machen und trotzdem keine Auftritte kriegen. Die Profiteure sind nur die Aktionäre des Nasdaq 100. Wer von Musik leben will, sollte es erwägen, sich da einzukaufen. Es wird für alle erst wieder interessant, wenn man weiß: ich bin gerade bei etwas besonderem dabei. Da kann man ansetzen.


CM>>> Mag vielleicht eine schon oft gestellte Frage sein, aber mich würde interessieren wie du zum ersten mal bewusst in Musik in Berührung gekommen bist – will damit sagen, dass du gemerkt hast, dass dieses Medium etwas besonderes ist das dich fasziniert?

Stefan>>> Ich kann das schwer beantworten, meine Eltern waren Musiker. Das war gar nicht zu vermeiden. Und Rockstar will ja jeder werden. Die Schockerlebnisse, die in meine jetzige Richtung zeigten, waren vielleicht Tomitas Synthesizer-Version von „Bilder einer Ausstellung“ – das habe ich mit sechs Jahren geschenkt bekommen - und Drum’n’Bass. Als ich mit 16 das erste Mal Shy FX live gehört habe, war es einfach um mich geschehen.

CM>>>Und wann hast du den Plan gefasst als DJ zu arbeiten? Könntest du dich heute in einem anderen Beruf vorstellen oder ist das was du tust zu deiner Berufung geworden?

Stefan>>> Ich hatte irgendwann genug Platten, um auf den Schulparties aufzulegen. Als Arbeit konnte man das aber erst bezeichnen, seit ich auch genug Produktionen hatte. Man lebt sich da auch rein und es wird spannend, weil man sich immer noch den nächsten Schritt vorstellen kann. Mit einem „Dayjob“ wäre das schwierig – man ist einfach zu abgelenkt durch andere Dinge. Studiomusiker oder Produzent von Werbemusik hätte mich nicht interessiert. Ich wäre wahrscheinlich eher Jurist geworden. Aber die Vorstellung nur ans Hören gefesselt zu sein und nicht eigene Musik machen zu können, finde ich schrecklich. Sich zu entprofessionalisieren ist schwierig. Ich kann auch nicht ewig im Urlaub herumliegen. Ich habe dann immer Heimweh nach meinem Studio.   


CM>>> Wenn ich mir die Fragen, die ich dir gestellt habe, noch mal vor Augen halte stelle ich fest dass wir im Prinzip nicht über das klassische DJ und elektronische Musik Thema gesprochen haben. Egal ob das „Bergen“ eines verschollenen bahnbrechenden Albums oder auch die Symbiose von Band-Elektronik-Ballett setzen die Offenheit des Publikums aber auch von Presse, Veranstaltern, Promotern voraus. Wie empfindest du dein künstlerisches Umfeld und vor allem das Publikum – ist es heute offener toleranter als zu Beginn deiner Karriere?


Stefan>>> Ja, man setzt Auflegen und „reguläre“ Tracks fast als eine Art Standard voraus, oder? Keiner fragt mehr: Du spielst in der Panorama Bar – wie ist das denn so? Das steht mittlerweile in der Brigitte. Und das zeigt vielleicht das eigentliche Problem: Es gibt davon so unendlich viel, dass es als selbstverständlich betrachtet wird. Du kannst in einer Stadt wie Berlin auf den Programmzettel schauen und hast dreißig Veranstaltungen zur Auswahl. Pro Abend, und zwar völlig egal welcher Tag der Woche gerade ist. Das ist wie Wasser aus der Leitung. Man hat eigentlich nur noch Deja Vus. Weil es so selbstverständlich wirkt, schauen sich alle nach Alternativen um. Das ist die Offenheit, die Du ansprichst, glaube ich. Es soll irgendwie diesen Techno-Bezug noch haben, aber weitergehen. Natürlich funktioniert das bei mir und anderen nur, wenn man auch als DJ und Produzent von absolut tanzbaren Nummern überzeugt. Es muss ein überzeugender Kontext her. Ich glaube wenn man aus dem Nichts kommt und die Sachen versucht zu machen, mit denen ich vielleicht noch durchkomme, würde man gnadenlos untergehen. Da würde der Bezug fehlen. Dass wir uns hier aber weniger über Techno unterhalten haben, heißt nicht, dass es für mich nicht mehr wichtig wäre. Der Club ist nach wie vor das Zentrum meiner Arbeit und ich stelle mir täglich die Frage, wie man das spannend halten kann. Man geht so oft aus und ist enttäuscht – es gibt unendliche Möglichkeiten, die keiner anpackt. Trotz dieser Masse an Leuten auf der Schöpferseite. Es ist völlig überfrachtet und völlig leer zugleich. Das Publikum ist oftmals zu mehr bereit als die Künstler. Diese Leute, die ans Pult kommen und härter, schneller, Techno, Minimal usw. rufen, scheinen ausgestorben zu sein. Es ist eigentlich paradiesisch, was man alles machen könnte. Ich taste mich da langsam vor. Eher verbiegen als brechen.

Es schält sich da auch etwas wie ein Umfeld heraus. Das sind natürlich einmal die Leute, mit denen ich auf dem Label arbeite. Wenn wir die Macro-Nächte machen und dann als Gäste den Kruder oder Santiago oder Raudive haben, dann fült sich das schon sehr stimmig an. Es gibt entsprechend auch Clubs und Medien und Labels, die das alles interessiert. Das ist schon gut, da auch nicht allein da zu stehen. Davon abgesehen kann man auch einfach Themen auf die Tagesordnung setzen und dann sehen, was sich regt. Als ich vorletztes Jahr dieses elektroakustische Album („Voices Of The Dead“) gemacht habe, gab es in dem Bereich eigentlich nichts von der Technoseite her. Jetzt arbeiten viele damit und haben Spaß daran. Ricardo hat gerade einen fantastischen elektroakustischen Remix von Arvo Pärt gemacht. Da gibt es praktisch keine Bassdrum.

CM>>>Was brauchst du für einen perfekten Tag im Leben?

Stefan>>> Goran Bregovic hat das mal so beschrieben: Ein Tisch, um den herum gute Freunde sitzen, etwas zu essen, etwas zu trinken, ein paar hübsche Frauen, Musik. Das ist mein Idealbild. Darf auch von morgens bis abends gehen.

www.macro-rec.com
www.myspace.com/stefangoldmann


Photos by permisson of Macro Records
Interview Michael Mück
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