Gunne - January 2010 GERMAN VERSION




CM>>>Gunnar vor diesem Gespräch hatten wir schon ein kleines Vorgeplänkel mit dem Thema, dass dein neues Album „I wanna Dance With Nobody“ trotz seines Vorgängers „Sinusoidal Organic Undulating Lovesongs“ eigentlich dein erstes richtiges „Albumbaby“ ist. Ich war etwas verwundert und  du hast mir dann erklärt, dass der Grund dafür ist dass das Album ein echter physikalischer Release ist.
Also hat das was man anfassen kann doch mehr Gewicht – nicht nur physikalisch?

Gunnar>>> Da bin ich wohl ziemlich old school, aber einen Tonträger in der Hand zu haben, zumal den eigenen, ist für mich ein konkreteres Gefühl als ein File hin und her zu schieben. Das wertet „S.O.U.L.“ jedoch, trotz reiner Download-Veröffentlichung,  musikalisch keineswegs ab. Und dies bleibt auch mein erstes, offizielles Album. Vielleicht bleibt „IWDWN“ ja letztlich das erste und einzige Album, was noch physikalisch rausgekommen ist – dieses jedoch kann ich mir auch in 20 Jahren noch unters Kopfkissen legen. Find ich eine schöne Vorstellung.

CM>>>Aber es fallen direkt zwei Dinge auf!
Zum Einem der Titel: Du bist Dj und Musikproduzent, also im Prinzip ein Entertainer und dann der Titel „ I wanna dance with nobody“  der mir signalisiert dass dieses Album weit weg von der Peakhour im Club entfernt ist. Dann ist mir beim ersten durchhören aufgefallen, dass das Album einen melancholischen Grundton trägt, völlig anders als sein verspielter Vorgänger. Was ist passiert? Bist du müde der guten Laune im Club oder geht die Geschichte tiefer? Also ein persönlicher Hintergrund der Titel und Musik des Albums bestimmt hat...?

Gunnar>>> Der sicher permanent guten Laune im Club bin ich keineswegs überdrüssig. Im Gegenteil: ich liebe es am Wochenende an den Plattenspielern zu stehen und mit der Crowd eine tolle Party zu feiern, ansonsten hätt ich wohl den falschen Job. Bloß ist das Wochenende eben nicht alles im Leben. Ich bin nicht ständig gut gelaunt, lasse ein Pointen-Feuerwerk nach dem anderen ab und bin der coole DJ vor dem Herren. Sich so was vorzumachen, auch vor anderen, ist lächerlich. In erster Linie bin ich Mensch und muss jeden Mist durchmachen, wie alle anderen auch, und fühle mich auch dementsprechend. Das Album hängt explizit mit dem Ende einer langjährigen Beziehung zusammen und spiegelt meine Stimmung in dieser Phase des Lebens wieder. Es ist schon erstaunlich wie intensiv Gefühle sein können – gerade wenn es die absolut Gegenteiligen sind als die zur Peaktime im Club.  Der angeblich freie Wille, den wir als Mensch haben sollen, versagt hier vollends. Egal wie sehr du auch willst, dass solche Gefühle aufhören, sie verweigern es dir. Ich bin froh, dass ich das in Musik kanalisieren kann.


CM>>>Im Titel ist der negierte Hinweis auf Whitney Houston oder auch Mando Diao versteckt...
Gunnar>>>  Da muss ich ein wenig grinsen. Nun ja, mit Whitney hat es nichts zu tun. Die Suche nach dem Album-Titel entstand im Frühjahr, als der Mando Diao Track ziemlich omnipräsent in den üblichen Kanälen lief und sich eine erstaunlich große Masse auf ihn einigen konnte, ein Konsens-Song also, der niemanden weh getan hat. Fand ich lustig mit anzusehen. Letztlich ist es mehr ein Augenzwinkern denn von tief greifender Bedeutung.

CM>>>Ich liebe deine sehr persönliche Mischung von elektronischer Tanzmusik gemischt mit na nenne wir es doch einfach alternativer Musik. Aber nichts desto trotz und verstehe mich bitte nicht falsch,  bist du mit dem Titel „ I wanna dance with nobody“ auch bewusst das Risiko eingegangen das Publikum zu verschrecken? Oder zumindest gab es so etwas wie das kalkulierte Risiko eines solchen Titels?
Gunnar>>> Komisch, darüber hab noch nie nachgedacht. Und ich glaub auch ich würde mich maßlos überschätzen, wenn ich dächte damit eine Diskussion los zu treten wo sich verschrecktes Publikum und die geneigte Hörerschaft über den Album-Titel auslassen. Wer sich für das Album interessiert, dem wird der Titel herzlich egal sein. Seltsamerweise haben alle, denen ich das Album persönlich in die Hand gedrückt habe über den Titel gelacht.

CM>>>Die Reaktionen auf das Album sind durchgehend positiv – als du die ersten DJ und Presse Feedbacks gelesen hast wie hast du dich gefühlt? ......“richtig verstanden“?
Gunnar>>>Für die Künstlerseele ist es immer schön, wenn das Feedback so positiv ausfällt, zumindest muss ich aber auch das Gefühl haben, dass es nicht nur dahingesagt ist, wie es im Musikbetrieb ja oft üblich ist.  Standardisierte Antworten aus dem Floskelkatalog oder Reviews, die 1 zu 1 vom Promo-Sheet übernommen wurden. Glücklicherweise hatte ich das hier nicht. Der Großteil hat sich das Album wirklich angehört, was an den recht differenzierten Meinungen abzulesen ist.

CM>>>Wann ist die Idee für das Album entstanden nach dem Release von S.O.U.L? Oder ist die Idee und das Konzept von „I wanna dance with nobody“ schon älter?

Gunnar>>>Es gab vor der Produktion kein Konzept oder eine Idee. Es ist wohl auch schwierig zu erklären, aber die persönlichen Lebensumstände in dieser Zeit haben sich auf das Komponieren niedergeschlagen, ohne dass ich das im Kopf vorher kalkuliert hatte. Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen:  okay, jetzt machst du mal so einen Track mit gebrochenen Beats oder jetzt mal einen zugeschnitten auf den Dancefloor. Nicht dass ich das nicht schon probiert hätte, allerdings bin dabei jedes Mal gescheitert. Musik machen heißt bei mir stets aus dem Bauch heraus zu produzieren, auch wenn natürlich handwerkliche Grundsätze beachtet werden sollten.

CM>>>Kann man denn sagen dass „I wanna dance with nobody“ ein sehr persönliches Album ist das deine Gefühle oder zumindest eine Phase deines Lebens reflektiert?

Gunnar>>> Das Album ist zwangsläufig ein sehr persönliches und ich hab mir oft die Frage gestellt, ob ich es überhaupt veröffentlichen soll. Immerhin wird man ja auch angreifbar, Verletzbarkeit zeigen steht ja nicht gerade hoch im Kurs, gerade in einer Szene, die sich über Partys und Leichtigkeit definiert, wo Gefühle stets affirmativ sind und sich oft in 3-Akkord-Gänsehaut-Strings und einen fluffigen House-Beat erschöpfen.

CM>>>Das Album brilliert mit einer unglaublichen musikalischen Vielschichtigkeit – es gibt Songs mit Vocals, Gitarrenriffs und mit klassischer Instrumentierung. Ist diese Vielschichtigkeit ein Spiegel deiner musikalischen Persönlichkeit?

Gunnar>>> Mmh, das könnte man durchaus so interpretieren. Es resultiert wohl aus einer Mischung meines eigenen musikalischen Backgrounds und Musikgeschmacks sowie einem gewissen Hang zur Experimentierfreudigkeit. Vielleicht zur Anschaulichkeit - ich habe mit einem Freund vor 15 Jahren angefangen in kleinen, abgefuckten Clubs Platten aufzulegen – allerdings war dies damals Schlager, Soul, Funk und Disco. Und dies vor Punks, Skins, Metallern, Technos und sog. Normalos, die einmütig Arm in Arm zu Udo Jürgens oder Marianne Rosenberg abfeierten. Das war großartig. Zur gleichen Zeit habe ich in diversen Metal-Kapellen Bass oder Schlagzeug gespielt und mich von unserem Gitarristen immer antreiben lassen müssen ob seiner progressiv ausgerichteten Perfektion. Wir spielen übrigens heute immer noch zusammen in einer Punkrockband – er ist jedoch derweil wesentlich gelassener. Haha...Parallel dazu habe ich es aber auch geliebt auf Raves zu gehen und die Nacht durchzutanzen. Das war und ist für mich kein Widerspruch. Es gibt in jedem Genre erstaunlich viel Mist, sowohl im Techno als auch im Punk, aber eben auch viele musikalische Perlen – und die haben mich, egal in welcher Richtung, immer begeistert. Ich bin heute immer noch ein großer Fan von Bands wie Nomeansno, Tool oder den Dead Kennedys, aber auch von elektronischen Tracks mit fetten Basslines. Beim Produzieren seh ich daher auch keinen Zwang zur Einschränkung, eher der Lust zum Ausprobieren. Der Titeltrack „I wanna dance with Nobody“, ja ein 13-minütiges Monster mit klassischer Instrumentierung, war da nur die logische Folge. Ich wollte das einfach schon immer mal machen.

CM>>>Topicjumping... Da fällt mir ein, dass ich dich schon seit dem Release von „S.O.U.L“ immer schon fragen wollte wie es zu dem Napalm Detah Cover von „You Suffer“ kam. Bist du ein Fan von dieser wunderbaren Band oder zumindest ein Fan von Napalm Death’s Frühphase?
Gunnar>>>Obwohl ich als seinerzeitiges Mitglied der Langhaarfraktion eher Manowar, Blind Guardian oder Anthrax zu meinen Favoriten zählte, war Napalm Death trotzdem von jeher präsent. Sie gehören zu den größten Impulsgeber des Death Metal und hatten immer eine beeindruckende Energie. Die Texte hat zwar niemand verstanden, aber Spaß gemacht hats allemal. „You Suffer“ ist ja quasi die Hymne der Band, wenn auch nur 2 Sekunden lang. Das schien mir  für ein adäquates Cover machbar. (lachend)


CM>>>Meine allseits beliebte Frage in diesem Kontext, gab es erst den Musiker oder erst den DJ Gunne?
Gunnar>>> Den Versuch als Musiker, ganz klar. Die ersten Bands in denen ich spielte hatten wohlklingende Namen wie „Kackhaufen“ oder „Vaginal Infection“, später – als die Musik über Krach hinaus besser wurde – nannten wir uns „Fortune“. Progressiver melodiöser Krautrock-Stoner-Metal mit deutschem Gesang. Zwischendurch noch diverse Projekte. Mit 19 Jahren dann eben die Erweiterung zum Schlager und 70s Disco Plattenaufleger. Den endgültigen, d.h. ernsthaften Schritt zum elektronischen DJ machte ich eigentlich erst vor ca. 9 bis 10 Jahren. Ich bin es da wohl eher gediegen angegangen, was wohl auch damit zu tun hatte, dass ich, wenn ich mal Geld hatte, lieber mit dem Rucksack durch die Welt geschlendert bin als mir teueres Equipment zum Üben zu kaufen.

CM>>>Und was war dein erstes Instrument? Und stammst du aus einem musikalischen Umfeld bzw. einer künstlerisch ambitionierten Familie?
Gunnar>>>So viel ich weiß hat sich meine Familie bis dato jeglicher musikalischer oder künstlerischer Ambition erfolgreich entgegengestemmt. Genetisch ist also mein Talent eher begrenzt. Ich hab mit Schlagzeug angefangen und hab echt rumpelig in o.g. Noise-Crust-Core Band namens „Vaginal Infection“ gespielt. Der Schritt zum Bass bei „Kackhaufen“ war denn auch von unserem Gitarristen quasi erzwungen, weil sein Bruder dort Schlagzeug spielen wollte. Familienblut ist eben stärker. War aber auch der richtige Schritt. Hab mich dann noch an der Akkustik-Klampfe bei einem depressiv-melancholischen Projekt namens „Ein Trauma“ probiert. Letztlich bin ich an keinem der Instrumente wirklich gut, Schlagzeug spielen kann ich schon gar nicht mehr. Aber der Werdegang hilft enorm beim Komponieren von elektronischer Musik. In dem meisten Fällen weiß ich zumindest was ich da produziere.

CM>>>Neben deiner Arbeit als Labelchef bei Lebensfreude und als Musiker habe ich deinen Namen im Zusammenhang mit der „Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung“ entdeckt... bist du das? Und wenn dem so ist was genau machst du da?
Gunnar>>>Die LKJ ist der Träger für die Jugendlichen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur machen. Eine schöne Sache für junge Leute, die nach der Schule erstmal schauen oder austesten wollen, was ihnen eigentlich liegt. Ein Jahr in einem Theater, beim Radio oder einer Bibliothek kann da sehr aufschlussreich sein. Wenn dieses Interview erscheint arbeite ich allerdings nicht mehr dort. Ich war u.a. für Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich und habe bei Bildungsseminaren geholfen oder Workshops gegeben.

CM>>>Erfurt ist deine Stadt... kann man das so sagen?
Gunnar>>>In gewissem Sinne ja. Auch wenn ich nicht mehr dort wohne, es ist und bleibt meine Heimat. Ich habe dort alles ausgelebt, was mir Spaß macht. Und auch heute veranstalte ich mit einem Freund noch kleine, aber feine Partys. Auch um einen Grund zu haben nach Hause zu fahren.

CM>>>Was ist für dich persönlich das Besondere an Erfurt?
Gunnar>>>Wie wohl in jeder mittelgroßen Stadt, Erfurt hat so um die 200.000 Einwohner, ist die Wahrscheinlichkeit in der City jemand Bekannten zufällig zu treffen, enorm hoch. Das ist ein quasi sehr familiäres Dasein, zumal gesäumt von einer wunderschönen Altstadt. Gleichwohl kann dies natürlich auch ein Manko sein – der Unterschied am Wochenende zu Berlin ist ja die Fragestellung: nicht – in welchen Club gehen wir diese Samstag?, sondern: Gehen wir in diesen einen Club oder nicht? Das stellt man sich in Erfurt. Eine liebevolle Provinz, zu deren Besuch ich jedem einmal anrate.

CM>>>Regelst du die Geschäfte von Lebensfreude Records von Erfurt aus oder pendelst du zwischen Erfurt und Berlin?
Gunnar>>>Mittlerweile ist mein Hauptwohnsitz komplett im schönen Neukölln. Das ist auch etwas stressfreier, zumal ein Großteil meiner Artists oder Leute wie mein Grafiker, meine Videoproduzenten und natürlich mein Label-Partner Hardy Meinhoff hier in Berlin leben. Das gibt mir die Möglichkeit die Leute viel schneller mal in den Hintern zu treten, wenn was nicht läuft ... (lacht)

CM>>>Zurück zu deinem Album, die Titel geben zum Teil Rätsel auf, zum Beispiel „das kleine b“ oder „BCNU“, was steckt hinter diesen Titeln?
Gunnar>>>“BCNU“ ist ein Slang-Kürzel für „be seeing you“ – „man sieht sich“. Als Titel des letzten Tracks auf dem Album verweist er auf eine mögliche Zukunft und einen Abschluss des schon erwähnten Themas. „das kleine b“  ist letztlich nichts anderes als der Grund des Albums – „b“ ist das Album gewidmet. Ihr verdank ich viel, auch wenn sie der schmerzhafte Grund ist, dem die traurige Stimmung Rechnung trägt. C’est la vie!

CM>>>Auf der anderen Seite sind die anderen Titel wie zum Beispiel „ „The Lonley Postman“ oder „Homeless“, Titel die eine gewisse Melancholie signalisieren... das Album selbst kann sich oft nicht entscheiden ob es im Grundsatz Traurigkeit oder Zuversichtlichkeit  verbreiten soll. Das meine ich nicht als Kritik, sondern soll nur ausdrücken, dass ich über dieses Album sehr lange nachgedacht habe. Die Frage nach dem Hintergrund des Albums hatte ich bereits gestellt... auch nach der persönlichen Geschichte hinter dem Album. Aber wie fühlt sich im Rückblick ein solches Album an, wie wenn man einen Kalender aufschlägt oder der  Blick in den Spiegel... oder wie fühlt es sich an?
Gunnar>>>Das siehst du völlig richtig. Das ständige Pendeln zwischen Traurigkeit, weil etwas zu Ende gegangen ist, dass einem sehr viel bedeutete, und  Zuversichtlichkeit, weil eben dies auch nicht zu ändern ist und man das Leben weiterleben muss, zieht sich durch das ganze Album. Man kann sich ja im Moment der tiefsten Traurigkeit überhaupt nicht vorstellen, dass alles irgendwann mal besser wird. Man verflucht die Freunde, die einem das ständig einreden wollen. Man kann überhaupt nicht verstehen, dass die ganze Welt NICHT mit einem leidet. Die Wahrnehmung des Um-einen-herum ist sehr spezialisiert, da nützt der schönste Sommertag nichts. Andererseits – und das kommt ja mit der Erfahrung – weiß man im Inneren schon, dass die Freunde Recht haben. Es wird besser werden, anders, man gewöhnt sich dran. Was hier wie eine typische Teenager-Sache erscheint, vor dem ist man jedoch auch im späteren Alter nicht gefeit. Zumindest wenn man nicht versucht eine Coolness heraushängen lässt, die es so gar nicht gibt. Und so ist der Rückblick auf das Album ein Blick auf Etwas, was immer wieder kommen wird, in das man sich immer wieder hineinstürzt – und auch hineinstürzen sollte. Letztlich macht mir das Album Mut.

CM>>>Was kannst du mir zu dem Coverbild sagen? Wer hat es gemacht und was ist darauf abgebildet?
Gunnar>>>Alle Bilder auf dem Album stammen von Alex Geyer, einem Erfurter Fotografen, den ich im Sommer kennen gelernt habe als er einen Workshop in Analoger Fotografie gab. Die Schwarz/Weiß-Bilder, die allsamt verschiedene Muscheln in Makroaufnahmen im Stil der 20er Jahre zeigen, hatten es mir sofort angetan und nach mehreren fruchtbaren Diskussionen haben wir uns entschieden, sie für das Cover und das Booklet zu verwenden.

CM>>>Welche Bedeutung hat das Bild für dich im musikalischen oder persönlichen Kontext?
Gunnar>>>Ich mochte, dass das Coverbild in erster Linie etwas irritiert. Die oft gestellte Frage, was denn eigentlich darauf zu sehen ist, gefällt mir. Wir haben als Menschen den Drang alles was wir wahrnehmen gleich einordnen zu müssen. Das ist in unserem kategorialen Denken so angelegt. Wenn dies nicht gleich passiert oder wenn wir letztlich überhaupt nicht verstehen können, was uns da begegnet, bekommen wir Angst, laut Kierkegaard ja von jeher ein existentieller Zustand, der uns jedoch vor die Wahl stellt etwas tun zu können und somit letzthin Freiheit bedeutet.

CM>>>Wie schon sehr oft auf deinen Veröffentlichungen finden sich auf dem Album auch wieder sehr viele Collaborations mit Sängerinnen und Sängern. Was direkt immer auffällt sind die zum Teil besonderen Namen der Künstler... „Delhia de France“, Littektor“ oder „Yves IL & Zweileen“? Bitte nicht falsch verstehen, sind das deren tatsächlichen Künstlernamen?
Gunnar>>>Teilweise. Delhia hat ihren Namen tatsächlich so gewählt und ist ein grandiose Sängerin, die schon mit Robag Wruhme und Douglas Greed zusammengearbeitet hat, aber auch als Sängerin in ihrer eigenen Band, den Pentatones, für Aufsehen sorgt. Littektor ist tatsächlich ein sehr interner Name für Sascha Littek, den ich aus alten Metal-Tagen kenne und der zwischenzeitlich ein paar Jahre bei einer Erfurter Elektrorock-Band gespielt hat.

CM>>>Die Vielzahl der Leute mit denen du schon gearbeitet hast, macht mich sehr neugierig. Sind das alles Künstler aus Erfurt, bzw. Freunde von dir die mit dir musikalisch aufgewachsen sind?
Gunnar>>>Im Falle von Sascha ja, ein Erfurter Urgestein. Delhia wohnt wiederum in Leipzig, ebenso wie der Good Guy Mikesh, der beim ersten Album ja mitgesungen hatte. Überhaupt war das erste Album internationaler – da wurden Vocals aus Spanien, England und Kambodscha beigesteuert. Letztlich mag ich es mit verschiedenen Leuten zusammenzuarbeiten, gerade im Gesangsbereich, den ich wohlwissend und zum Wohle anderer nicht selbst übernehme. Inwiefern die Leute nun schon bekannt sind oder eher für sich Musik machen, ist mir egal. Einzig das Talent und die Chemie müssen zwischen uns stimmen.

CM>>>Noch einmal zurück zu dem Titel deines Albums, der so untypisch für eine Partycrowd ist. Ist das Album das Gefühl nach deiner Arbeit als DJ im Club oder beschreibt das Album auch Gefühle die du sogar wegen der Peaktime beim auflegen schon gehabt hast?
Gunnar>>>Bei der Peaktime sollte man gefälligst wenig nachdenken, da ist pures Jetzt angesagt, Rausch funktioniert nur ohne Reflexion. Das Danach ist da natürlich zwangsläufig ein Absturz und dieser ist natürlich umso größer je länger, je intensiver die Party ist. Dennoch ist es bei mir nicht so, dass ich aufgrund einer fehlenden Partysituation in tiefe Depressionen verfalle, dafür hab ich das alles schon zu oft durchgemacht und weiß um die nächste Gelegenheit am nächsten Wochenende. Aber die Tage zwischen den Wochenenden konfrontieren dich ja noch mit vielen anderen Dingen, privaten Situationen, Problemen, Verantwortung, Arbeit – man muss sich Sachen stellen, die nicht mit ein bisschen Musik machen weggewischt werden können. Und hier bin ich aber auch Gunne, hier bin ich niemand anderes, hier kann ich mich nicht hinter einer schillernden Fassade verstecken.

CM>>>Brauchst du eine besondere Stimmung wenn du Musik machst, ich meine neue Songs schreibst, oder ist dein kreativer Prozess nicht abhängig von einer gewissen Stimmung, sondern eher vom Ziel?
Gunnar>>>Wie ja schon erwähnt, bin ich eher ziellos als mit einem Plan zur Hand. Es ist die Stimmung, die Auswirkungen auf die Art und Weise des Produzierens hat. Das ist nicht immer von Vorteil, gerade wenn man Auftragsarbeit zu erledigen hat, bspw. einen Remix für jemanden zu machen. Für die eigene Musik versuch ich jedoch mich nicht davon leiten zu lassen. Das funktioniert letztendlich nur über den Bauch.

CM>>>Wer ist Gaby? Und wartet sie noch immer....  Ich muss dir dazu sagen, das „Gaby’s waiting“ der erste Song war den ich im Radio gespielt habe, da meine Freundin ständig auf mich warten muss und damals kam auch noch das Radio dazu.... wie schön, dass Sie Gaby heißt ...(lachend)
Gunnar>>>Haha...sehr gut, die Frage wollte ich schon immer mal gestellt bekommen. Meine erste Platte. Nun, der Titel resultiert aus den schon erwähnten Schlagerpartys – diese nämlich trugen den Namen „Gaby wartet im Park“ – nach einem Stück von Udo Jürgens, welches uns damals im Kopf rumschwirrte, wissend unsere Mamis haben diese Platte in ihren Plattenschränken. Diese wurden draufhin geplündert nach sämtlichen Schlagerjuwelen und „Gaby“ wurde zur Ikone einer ganzen Generation – zumindest in Erfurt. Frag da mal in der Szene nach DEM Udo Jürgens-Song schlechthin – die Antwort wird nicht „Aber bitte mit Sahne“ oder „Mit 66 Jahren“ sein. Im Übrigen haben wir vor ein paar Jahren Udo Jürgens einmal diese Geschichte nach einem Konzert hinter der Bühne erzählt. Ganz aufgeregt und mit überschlagender Stimme standen wir da und erzählten von Gaby, kleinen Clubs, Punks und Skins und überhaupt – nun, Udo hörte sich die Geschichte an, legte danach ganz väterlich seinen Arm auf unsere Schultern und honorierte die Story mit einem: „Weiter so, Jungs!“.
Ein grandioser Moment.

CM>>>Dein „Künstlername“ Gunne, woher kommt der? Ist das schon ein alter Spitzname von dir?
Gunnar>>>Nichts weiter als ein alter Spitzname. Und bis auf meine Mutter nennt mich auch niemand Gunnar – das mutet dann immer etwas seltsam an.

CM>>>Das Jahr geht zu Ende, schaust du auf 2009 zurück was geht dir durch den Kopf?
Gunnar>>>Eines der seltsamsten Jahre meines Lebens und ich bin froh, dass es vorbei ist.

CM>>>Welche Alben oder Tracks sind deine Favoriten 2009?
Gunnar>>>Oh, ich habe mir wenig Alben gekauft letztes Jahr – Fever Ray, Ben Klock, Son Lux, Colour Haze. Ich hab eher ältere Sachen neu gehört – das total unterschätzte zweite Bloc Party Album, auch immer gut: The Bellrays, Les Claypool, Billie Holiday, Tool. Und Tracks? Neben den ganzen Lebensfreude-Sachen; Mmh, der Len Faki-Remix für Dustin Zahn hat mich ganz schön umgehauen. Dazu noch ein paar deepe Sachen von  ein paar Erfurter Künstlern wie Less oder Pinch’n’Peedge. Na ja, und beschämt muss ich zugeben: „Use somebody“ von Kings of Leon. Tja, so ist das halt..

CM>>>Und was kann man musikalisch 2010 von dir erwarten?
Gunnar>>>Ich hab tatsächlich schon wieder ein paar Tracks für ein neues Album. Ob das 2010 was wird weiß ich noch nicht. Ansonsten auf Lebensfreude viele gute neue Künstler – z.B. die nächste VÖ von zwei Franzosen: Monoblok & Pussysselektor – ein Monster-Tune. Versprochen!

CM>>>Was brauchst du für den perfekten Tag?

Gunnar>>>Nichts, würde ich was brauchen wäre er nicht perfekt.


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Photos by permisson of Gunnar Lenke
Interview Michael Mück
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