CM>>>Hallo Ingo und Marco, die vielleicht langweiligste Frage zu erst. „Exercise One“ die erste Lektion? Oder wie muss man euren Bandnamen ableiten?
Exercise One>>>Die Suche nach einem "Bandnamen" ist ja nicht immer einfach. Unsere ersten Ideen dafür waren auch nicht gerade toll. Dann stolperte Marco eines Nachmittags über ein Songtexte-Buch der Band Joy Division, welches auf seinem Wohnzimmertisch lag. Und da war die Seite für den Track "Exercise One" aufgeschlagen. Marco fragte nach Ingo´s Meinung und er fand's dufte und jetzt nennen wir uns schon seit 5 Jahren so.
CM>>>Seit wann arbeitet ihr zusammen und wie habt ihr euch kennen gelernt?
Exercise One>>>Wir haben 2002 angefangen sporadisch gemeinsam Musik zu machen und 2003 die ersten kleinen Auftritte gehabt. 2004 ging es los mit der ersten Platte und erheblich mehr Fokus auf Musik produzieren.
CM>>>Wie seid Ihr beide zur elektronischen Musik gekommen und seit wann arbeitet ihr als Musiker? Habt ihr schon vor Exercise One in Bands die in Richtung elektronische Musik gearbeitet?
Exercise One>>>Marco/// Meine Leidenschaft zur elektronischen Musik hat sich schon relativ früh ausgeprägt. Ich war damals 14 und habe Depeche Mode auf ihrer "Music for the Masses" Tour besucht. Dort spielte als support Front 242. Und das hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Schuhe ausgezogen. Die haben damals so eine Energie und fette Beats über die PA geballert dass ich am nächsten Tag in Plattenladen bin und mir den kompletten Release Output gekauft habe.
So fing´s bei mir dann an. Sampler & Synth. gekauft, Bands gegründete und Musik gemacht.
Und dabei habe ich mich immer mehr für die Elektronik interessiert. Prägend waren dann natürlich die 90er mit ihren Elektronik Überbands wie Chemical Brothers, Underworld, Leftfield und Future Sound Of London dazu noch die ersten Rave Erlebnisse. Damals war Frankfurt auch sehr wichtig und hat mich beeinflusst
Ingo/// Ich habe im Laufe der 90er mich immer mehr für elektronische Musik begeistern können und habe da einen fliessenden Übergang erlebt. Für mich sind die klassischen 'Crossover' Acts wie Prodigy, Chemical Brothers, Underworld und Leftfield wichtig gewesen, weil sie eben in der Fangemeinde der Rockwelt erfolgreich gewildert haben. Danach habe ich mich für die Geschichte des Techno interessiert und rückwirkend die Klassiker kennen gelernt. Der Umzug nach Berlin 2000 hat sein übriges getan, um mir die Welt der kontemporären elektronischen Musik zu offenbaren.
CM>>>Ingo ich habe erst kürzlich gelesen dass du nebenbei noch als Schlagzeuger in einer Rockband spielst. Was ist das genau für eine Band? Und kann man, wenn man in zwei gegensätzlichen Stilrichtungen Musik macht, auch Erkenntnisse für die jeweils andere Musikrichtung gewinnen?
Exercise One>>>Ingo///Die Band heißt 'subQ10x' und besteht aus der klassischen 'Beatles-Besetzung'. 2 Gitarren, Bass, Drums plus Vox von der Saitenfraktion. Musikalisch ist es eher im Bereich was manche als 'Stoner Rock' oder 'Psychedelic Rock' bezeichnen.
Das befruchtet sich ungemein, weil man durch die verschiedenen Musikrichtungen unterschiedliche Ansätze an Arrangements kennen lernt. Auch der ganze Bereich des Abmischens ergänzt sich, weil man mit unterschiedlichen Geräuscherzeugern zu ähnlichen Ergebnissen kommen will und dafür ähnliche Tools verwendet. Alles in allem ist es eine Bereicherung. Wäre nur noch besser wenn die Woche 14 Tage hätte….
CM>>>Würdet Ihr euch beide als Bandmusiker bezeichnen, also Musiker die gerne im Team mit anderen arbeiten, austauschen und reflektieren?
Exercise One>>>Auf jeden Fall. Der Austausch ist gerade das Spannende und Interessante. Hierbei passieren die schönsten Dinge und entstehen die besten Tracks… Aufnahmen aus ausgedehnten gemeinsamen Sessions stellen oft die Grundlage dar für spätere Tracks dar.
CM>>>Arbeitet ihr zusammen in einem Studio – also sprich in einem neutralen Raum in dem ihr euch regelmäßig trefft und Ideen austauschen könnt?
Exercise One>>>Ha! Gute Frage. Wir beziehen soeben unser neues Studio. Auf das wir uns schon so lange gefreut haben. Die letzten 2 Jahre hatten wir leider nicht wirklich einen gemeinsamen Raum. Haben uns aber regelmäßig getroffen. Sonst hätten wir auch kein Album zustande bekommen.
CM>>>Ihr habt im Frühsommer dieses Jahres euer Debütalbum mit dem Titel „ In Cars We Rust“ veröffentlicht. Ein Album das mich durch seine unglaubliche Lebendigkeit und Vielseitigkeit beeindruckt. Wann wurde die Idee zu diesem Album geboren? Gab es die Idee oder besser gesagt den Wunsch ein Album zu produzieren schon seit der Gründung von Exercise One in 2004 ? Oder habt ihr erst einmal abgewartet wie sich Exercise One entwickelt?
Exercise One>>>Um ehrlich zu sein wollten wir schon immer ein Album machen. Haben den Gedanken dann aber irgendwo im hinteren Hirn versteckt. Wir hatten uns erstmal auf die 12"s gestürzt.
Bis Anja dann uns fragte ob wir Lust haben ein Album für Mobile zu machen. Ab dann war der Gedanke wieder täglich präsent. Das war vor 2 Jahren. Von da an haben wir extrem viel darüber gesprochen wie unser erstes Album sein soll. Die ersten Ideen entstanden zur gleichen Zeit.
CM>>>Ist das Album eine Sammlung von Tracks die ihr in den letzten Jahren produziert habt oder ist es ein in sich geschlossenes Projekt das aus einer Initialzündung entstanden ist?
Exercise One>>>In Cars We Rust ist ein richtiges Album. Die Tracks gehören zusammen. Zuerst hatten wir sehr viele Ideen und dann haben wir uns alles immer wieder angehört und diskutiert, bis wir die Songs herausfiltern konnten, die wirklich zusammen passen. Manche Sachen basierten auf Ideen die wir in der Vergangenheit für ein potentielles Album beiseite gelegt haben, aber die meisten Tracks sind komplett neu entstanden.
CM>>>Gibt es eine Aufteilung bei auch wer welche Parts eines Tracks macht oder gibt es keine wirkliche Arbeitsteilung? Jeder macht alles und kann seine Ideen einbringen...
Exercise One>>>"Jeder macht alles und kann seine Ideen reinbringen" bringt es auf den Punkt. Der Faktor Zeit spielt noch eine Rolle. In der Produktionsphase zum Album hat Ingo noch studiert und sein Examen kam immer näher. Dadurch hatte er nicht immer soviel Zeit wie er gerne gehabt hätte.
Dafür konnte ich viele Idee skizzieren welche wir gemeinsam zu Ende brachten. Jetzt ist Marco Papa geworden und Ingo hat mehr Zeit…
CM>>>Ich habe lange überlegt ob ich fragen soll,... wie kam es zu dem Albumtitel „In Cars We Rust“ der offensichtlich von „In God We Trust“ abgeleitet worden ist?
Exercise One>>>Das war irgendwie von Anfang an unser Arbeitstitel. Am Schluss hatten wir uns so sehr daran gewöhnt dass uns alle anderen Ideen nicht mehr gefielen. Das Ganze hat keine eindeutige Bedeutung. Wir mögen wie es klingt und den Unterton als Anspielung auf den ur-amerikanischen Ausspruch. Er hat sowas ironisch-fatalistisches was uns zusagt. Wenn man sich Gedanken drüber macht kann man locker ins Schwafeln kommen, aber wir fanden ebenso sympathisch, dass der Titel ein wenig Verwirrung stiften würde. Wir wollten in jedem Falle keinen langweiligen Titel der nach glatt gebügeltem Techno klingt...
CM>>>Das Album begeistert mich gerade, weil es zumindest für mich wie ein sonniger Open Air Rave klingt. “Cicero“ läutet das Ganze recht relaxed ein, in meiner Vorstellung kommen die Leute in den Park und breiten die Decken aus – einige Fangen an zu tanzen – und spätestens bei dem klassischen „It Is Happening Again“ sind alle Arme oben. Wie habt ihr es geschafft diese Live Atmosphäre auf ein Studioalbum einzufangen? Ein Resultat eurer umfangreichen Live Erfahrung?
Exercise One>>>Oh danke! Das ist ja eine schöne Beschreibung. Für uns war es wichtig verschiedene Stimmungen und Atmosphären zu schaffen. Das Ganze in einem Open-Air Kontext zu beschreiben ist gar nicht so abwegig. Dass unsere Musik "live" klingt kommt auch davon, dass wir oft einfach alles aufnehmen was wir gerade im Studio so machen. Wir mögen wenn Musik lebendig klingt und haben das probiert so gut es geht umzusetzen.

CM>>>Gibt es ein Konzept – Musikalisch sowie erzählerisch – hinter „In Cars We Rust“?
Exercise One>>>Eigentlich nicht. Es ist mehr ein klassisches Album und daher war das Konzept: ein Album zu kreieren, dass verschiedene Facetten hat und trotzdem gut durchhörbar ist. An erster Stelle stand, dass wir uns austoben können, weil das Album-Format einem als Musiker ja mehr Freiheiten lässt. Danach kam der Wunsch einen nachvollziehbaren Flow rein zu kriegen. Das waren die einzigen Eckpfeiler und somit ein eher loses Konzept.
CM>>>Besonders gut gefallen mir auch die Voaclatracks „No News Today“ und „Just Not!“ auf denen Argenis Brito singt. Wer hat jeweils die Lyrics geschrieben? Und woher kennt Ihr Argenis?
Exercise One>>>Die Lyrics stammen alle von Argenis. Er hat den Songs genau das gegeben was sie brauchten. Davor waren sie quasi nackt. Wir haben Argenis vor ein paar Jahren durch Luciano kennen gelernt.
CM>>>Ich denke es ist einfacher sich abzugleichen wenn man zusammen Musik macht – nichts desto Trotz gibt es für euch noch eine Art letzte Instanz die eure Musik kritisieren darf, bevor sie veröffentlicht wird?
Exercise One>>>Natürlich. Bei uns sind das ein paar enge Freunde, Anja als A&R vom Mobliee und natürlich unsere Frauen die sich das den ganzen Tag anhören mussten / müssen.
CM>>>Das Album wurde auf Mobilee Records veröffentlicht – ein Label das perfekt zu eurer Musik passt und umgekehrt. Wie seid ihr zu Mobilee Records gekommen?
Exercise One>>>Anja ist durch einen gemeinsamen Freund auf uns aufmerksam geworden. Der hat ihr von uns erzählt worauf hin sie sich die erste Lan Musik gekauft. Ihr hat das sofort gefallen.
Dann rief sie uns an und meinte ob wir Tranks für Mobilee hätten
CM>>>Wie präsentiert ihr euere Musik Live? Und wie viel Platz lasst ihr euch selbst für Improvisationen und auch um auf das Publikum zu reagieren?
Exercise One>>>Wir haben ein Live-Setup mit Sythesizern, Drummachine, Midi-Controler und Computer. Dadurch sind alle Elemente der von uns ausgewählten Tracks abrufbar und wir spielen dann drauf los. Manche Songs spielen wir sehr nah an den produzierten Arrangements, andere sind offener und improvisierter. Das hält sich die Waage, weil bloße Improvisation auch langweilig werden kann. Wir haben immer mehr Musik parat, als wir im Endeffekt spielen, um somit auf auf das Publikum eingehen zu können. Das zu perfektionieren ist ein ewig andauernder Prozess...
CM>>>Gibt es Länder oder sogar spezielle Clubs in denen ihr besonders gerne auftretet?
Exercise One>>>Wir spielen überall gerne. Natürlich gibt es ein paar spezielle Clubs in denen wir besondere Erfahrungen gemacht haben und sehr gerne spielen. Das Fuse in Brüssel, Fabric London oder die Panorama Bar sind beeindruckende Flagschiffe der Clubscene und dort haben wir auch außergewöhnliche Auftritte gehabt. Wir haben aber ebenso vor 150-200 Leuten z.B. in den USA gespielt und di Leute sind schier ausgerastet. Ein weiteres Highlight ist in jedem Falle Tokyo, wo wir das Glück haben über Neujahr das zweite Mal zu spielen.
CM>>>LAN Musik ist euer eigenes Label – ich habe gelesen, dass ihr das Label als Non-Profit Projekt betreibt. Ist das so korrekt? Was ist die Philosophie von Lan Musik?
Exercise One>>>Lan Musik hat erstmal uns sehr geholfen. Die ersten Releases von uns auf Lan waren sehr wichtig. So führten wir das Label auch weiterhin. Wir wollten Freunden in unserem Umfeld eine Möglichkeit bieten Platten zu releasen um so auf sich aufmerksam zu machen. Dies hat auch ganz gut geklappt. Wir hatten die ersten Release von Artist wie Peter van Hoesen, Jacopo Carreras. Geld haben wir damit nie verdient...
CM>>> Was sind eure nächsten Pläne und Projekte? Und wird das nächste Album eventuell schon in ein bis zwei Jahren nachkommen?
Exercise One>>>Wir haben soeben unser neues Studio bezogen. Die ist sehr komfortabel ausgestattet und hat viel Platz. Das ist der perfekte Ort für uns um das zweite Album vorzubereiten. Wie du aber auch schon erkannt hast, hat das noch ein wenig Zeit. Aber 2 Jahre ist realistisch. Zur Zeit arbeiten wir an vielen Remixen. Im Januar 2010 kommt unsere erste EP auf Wagon Repair, worüber wir uns sehr freuen. Auf Mobilee wird auch einiges passieren - 2010 ist der fünfte Geburtstag des Labels und wir dürfen gespannt sein. Dann wollen wir endlich wieder eine schöne Lan produzieren…
CM>>>Was braucht ihr für einen perfekten Tag in eurem Leben?
Exercise One>>>Ein Lachen von unseren Lieben, schönes Essen, viel Zeit für unser neues Studio und der Umzug des FC St Pauli nach Berlin.
http://www.myspace.com/exerciseone1
http://exerciseone.de/
http://mobilee-records.de/exerciseone
Photos by permisson of Mobilee Records/Photos by Lars Borges
Interview Michael Mück
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