CM>>>Martin, dein erstes komplettes Studioalbum „Word Of Mouth“ ist letztes Jahr im April erschienen. Das Erste was ich dachte als ich es in der Hand hielt... ohne das es nach einem Vorwurf klingt... Warum hat das so lange gedauert? Schließlich veröffentlichst du schon seit knapp fünfzehn Jahren Musik.
Martin Eyerer>>>Ja das stimmt, es hat wirklich sehr lange gedauert. Allerdings finde ich das der richtige Zeitpunkt auch wirklich da sein muss, damit es Sinn macht ein ganzes Album zu veröffentlichen. In den letzten Jahren habe ich meinen Sound erst so richtig finden müssen und mich, da ich mittlerweile seit 7 Jahren alleine produziere,...früher hatte ich einen Produzenten... so weit verbessern müssen, was das engineering angeht, dass ich selbst absolut zufrieden damit war.
2008 war dann endlich der richtige Moment gekommen, wo ich zum Einen ein für mich selber gutes Niveau erreicht habe und zum Anderen auch schon ausreichend Publicity erlangt hatte um genug Aufmerksamkeit seitens der Medien und der Käufer zu bekommen.
CM>>>Das Album hat mich, neben den einmaligen Tracks, dahingehend begeistert, dass es als komplettes Album funktioniert aber auch die einzelnen Tracks als Dancefloorburner. Wie hast du das gemacht? Es ist in meinen Augen ein wahnsinniger Drahtseilakt, beide Ansprüche in einem Konzept bzw. Album unterzubringen...
Martin Eyerer>>>Bevor ich mit dem Album angefangen habe, habe ich mir natürlich erstmal Gedanken darüber gemacht, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich habe mich dafür entschieden, ein eher Cluborientiertes Album zu bringen, da mich meine „Fans“ eben genau dafür kennen. In meinen Augen ist es im Extremfall, wenn Djs auf einmal ein reines Listening Album bringen sehr inkonsequent und kann Leute vor den Kopf stoßen. Das soll natürlich nicht heißen, dass man als Produzent sich nicht weiter entwickeln kann und in verschiedene Richtungen gehen sollte. Ich hab eben wie gesagt diesen Weg gewählt und bin sehr zufrieden wie das gelaufen ist.
Dass das Album wie aus einem Guss klingt liegt wohl daran, dass ich nicht irgendwelche alten Stücke die noch rumlagen nahm, sondern bei Null angefangen habe und innerhalb 6 Monate die Produktion durchzog.
CM>>>Ich frage noch mal anders nach, weil es mich wirklich interessiert, fiel es dir schwer ein komplettes Album zu machen, weil du vielleicht dir Selbst die Messlatte zu hoch gelegt hast? Oder es dir einfach mehr Spaß macht drei, vier Tracks zu veröffentlichen und danach schon wieder eine neue Idee hast die wieder in drei, vier Tracks funktioniert und dich auch befriedigt?
Martin Eyerer>>>Das Album so zu produzieren ist mir eigentlich gar nicht schwer gefallen. Ich mache pro Jahr auch wirklich viele Kooperationen mit Freunden, die zu mir zum arbeiten kommen – was auch super Spaß macht - und gar nicht mal so extrem viel Martin Eyerer „solo“. Deswegen war ich sogar richtig heiß drauf, mal 6 Monate nichts anderes zu produzieren. Ich habe in der Zeit nur einen einzigen Remix abgeliefert und ansonsten eben alles erstmal abgesagt.
CM>>>Das Album kommt neben den zehn Tracks noch mit einer Mix-CD daher, das die besten Kling Klong Tracks in einem spannenden Mix vereint. Wann kam dir die dieses Geschenk der CD beizufügen?
Martin Eyerer>>>Als ich „Word Of Mouth“ fertig hatte, bin ich damit nach München zu Great Stuff gefahren, um es vorzustellen Schließlich machen die Jungs ja das ganze Handling und Marketing für Kling Klong. Sie fanden es absolut super und wir haben uns überlegt, was man dennoch als „goodie“ dazugeben kann, um einfach mehr Verkaufsargumente zu haben. Heutzutage wird eben doch sehr viel runtergeladen und wir dachten, wenn wir ein fetteres Paket schnüren, erhöhen wir evtl. die Bereitschaft, das Album zu kaufen. So haben wir diese Idee entwickelt und das Konzept scheint aufgegangen zu sein.
CM>>>Ein Mix neben einem so starken CD kann in der Wahrnehmung natürlich auch untergehen. Hast du auch neben Reaktionen auf das Album selbst auch Rückmeldungen für das Mixalbum bekommen?
Martin Eyerer>>>Ja sicher absolut. Vor Allem hat der Eine oder Andere dadurch auch mal Titel, die er überhört hatte auf den Schirm bekommen. Auch seitens der Medien war das Feedback durchaus positiv auf diese Mix Cd.
CM>>>Ist „Word Of Mouth“ auch eine Art vorrausschauender Rückblick auf dein bisheriges Schaffen und musikalischen Erlebnisse? Ich habe mir die Frage gestellt, da das Album viele Stile vereint wie zum Beispiel beim Track „Memento“ ein Acideinfluss zu hören ist...
Martin Eyerer>>>Ein Album sollte immer repräsentieren und das tut es wahrscheinlich auch automatisch, wo der Künstler musikalisch gerade steht. Bei mir ändert sich sowieso ständig leicht mein Focus. Ich höre mir sehr viel Musik an, was mich natürlich beeinflusst und habe immer Angst, still zustehen in meiner Entwicklung. Das treibt mich auch an, beim Produzieren nie dieselben Presets zu benutzen. Also eine Art Rückblick würde ich es nicht nenne, sondern eine Momentaufnahme. So ein paar 303 Sounds dürfen bei mir immer gerne mal durchblitzen, das wird auch in Zukunft so sein. Es verlockt einfach ungemein das silberne Kistchen anzustellen, wenn es vor einem steht.

CM>>>Glaubst du dein nächstes Album wird wieder so lange auf sich warten lasen oder hast du nun, nennen wir es mal so, Blut geleckt?
Martin Eyerer>>>Mein Plan ist alle 2 Jahre ein Album vorzulegen – ich denke das macht Sinn. Das bedeutet, dass ich in der zweiten Hälfte 2009 mein nächstes Album produzieren werde. Was ich auf jeden Fall machen will, ist etwas mehr mit Vocals zu arbeiten darauf.
CM>>>Kurz, nachdem dein Album erschienen ist, bin ich sehr neugierig geworden und habe auf deiner Webseite mir Bilder deines Studios angesehen. Mir ist aufgefallen, dass du neben Computerarbeitsplatz auch ein großes Rack mit Effektgeräten- und prozessoren sowie Synthesizermodulen aus den späten Neunzigern hast. Auf dem Tisch lagen die Klassiker wie die Roland TB 303, TR707 und so weiter... Ich schließe daraus, dass du gerne mit verschiedenen Geräten aus verschiedenen „elektronischen Ära’s“ arbeitest? Ist es der unique Sound, der sich durch nichts ersetzen lässt der dich an diesen Geräten fasziniert?
Martin Eyerer>>>Ohne jetzt die Diskussion ob analog oder digital fetter klingt aufgreifen zu wollen, kann ich doch für mich eins feststellen: Es inspiriert ungemein richtige Geräte um einen zu haben. Ich glaube nicht dass ich nur mit einem Laptop und ein paar Monitorboxen glücklich wäre. Außerdem denke ich dass bestimmte Geräte ganz klar einen sehr eigenen Sound machen, der nicht so im Rechner emuliert werden kann. Was auch auf jeden Fall ein Thema ist, ist analoges Summing, doch das geht jetzt wahrscheinlich zu sehr ins Detail.
Schlussendlich bin ich schon ein Gearhead und freue mich immer wieder ein neues Schätzchen mein eigen zu nennen. Dabei kaufe ich nicht wahllos Hauptsache teures Equipment, sondern überlege mir ganz genau was noch in mein Setup passt. Im Übrigen denke ich, jede Seite hat ihre Vorteile und ich nutze deswegen digital und analoges Equipment.
CM>>>Auf einem der Bilder ist auch eine Mehrspur Bandmaschine zu sehen. Benutzt du diese auch noch bei deinen Aufnahmen? Oder nur noch in seltenen Fällen... oder für besondere Aufnahmen?
Martin Eyerer>>>Die Studer ist hier regelmäßig im Einsatz und zwar meistens für Mastering. Ich mache ja für viele Labels auch Mastering und manche Kunden haben gerne den Bandsound. Bandkompression klingt einfach sehr speziell und ich selber liebe diesen Sound.

CM>>>Du arbeitest als Labelchef von Kling Klong und Session Deluxe, du arbeitest als Producer und als Remixer, hast Sonntags eine Radiosendung, dein Terminkalender ist auch ordentlich voll und du bist Familienvater. Wie schaffst du das alles? Wer gibt dir Kraft?
Martin Eyerer>>>Das alles funktioniert nur mit einer straighten Planung und manchmal auch mit Disziplin. Ich versuche bei Auslandsreisen nie länger als nötig weg zu sein, nehme of gleich am nächsten morgen den ersten Flieger und bin so gar nicht so viel weg wie man sich das vielleicht vorstellt. Größere touren die 2 Wochen gehen mache ich maximal 4-6 mal pro Jahr. Da ich ja selbstständig bin, kann ich mir meinen Tag einteilen wie ich möchte. Ich mache es dann immer in der Woche so, dass ich abends früh heimgehe und zeit mit meiner Familie verbringe, um dann gegen später, wenn alle schlafen wieder ins Studio zu gehen. Außerdem gehen wir relativ häufig in Urlaub und dann geht das alles schon. Eigene Freizeit habe ich dadurch natürlich nicht wirklich viel, das Einzige was immer sein muss ist 10 km joggen 4 mal die Woche.
CM>>>Ist es manchmal schwer Frau und zwei Kinder zu Hause zu lassen, wenn du unterwegs bist? Oder gab es von Anfang an eine Absprache die dein Familienleben betrifft – besondere Tage die sozusagen heilig sind. Oder optimierst du deine Termine so, dass du sehr oft zu Hause sein kannst?
Martin Eyerer>>>Meine Frau wusste von Anfang an, dass das eben mein Beruf ist, von daher gibt es mit Sicherheit keine Grundsatzdiskussion. Allerdings habe ich es eine Zeit lang wirklich übertrieben und war sehr viel unterwegs, das war nicht gerade optimal. Aber seit ich das wie eben schon gesagt seit einiger Zeit viel tighter plane, funktioniert das jetzt wirklich prima.
CM>>>Darf ich fragen wie alt deine beiden Kinder jetzt sind?
Martin Eyerer>>> 7 und 10.

CM>>>Und verstehen die Beiden schon was dein Beruf ist? Ich meine erzählen die vielleicht im Kindergarten oder der Schule mein Papa ist DJ?
Martin Eyerer>>>Ja klar da wissen alle Bescheid. Mein großer Sohn hat gleich mal 12 Stück meines Albums gewollt, um jedem seiner Klasse eins zu geben. Die haben das sogar im Musikunterricht angehört. Meine Jungs spielen selbst Instrumente wie Klavier,Gitarre und Flöte und kommen hier regelmäßig in mein Studio weil sie das sehr interessant finden.
CM>>>Ich habe gelesen, dass du mal ein Jurastudium begonnen hast. Hast du dieses beendet oder kam dir dann die Musik in die quere? Und was hat dich an Jura so fasziniert? Würdest du dich selbst als jemanden bezeichnen der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat?
Martin Eyerer>>>Ja ich habe Jura studiert und fast fertig gemacht. Ich habe alle Scheine bestanden und nur das erste Staatsexamen dann nicht gemacht. Ich stand damals vor der Entscheidung entweder 100% für Jura zu geben und ein Jahr aufs Examen zu lernen oder alternativ jeden Tag mit Musik Gas zu geben was zu der Zeit schon sehr gut lief. Jura habe ich deswegen studiert, weil ich ursprünglich ins Management wollte. Wobei vieles ,was ich heute mache auch damit zu tun hat .. sprich Management.
CM>>>Kannst du noch genau sagen was dich damals, als du zum ersten mal ausprobierst hast als Dj zu arbeiten, daran fasziniert hat Musik zu mischen und aufzulegen?
Martin Eyerer>>>Dj zu sein ist für mich schon immer eine Kunst, die Leute in einen gemeinsamen Flow zu bringen und sie mit auf eine Reise zu nehmen. Das hat mich von Anfang an fasziniert und tut es immer noch jede Sekunde, wenn ich an den Plattentellern stehe. Das ist auch ein Grund, warum ich nicht live spiele. Mir macht Dj sein einfach zu viel Spaß.
CM>>>Verändert oder verfärbt sich diese besondere Faszination wenn man schon lange und erfolgreich als Dj arbeitet wie du, oder bleibt ein solcher Grundgedanke immer als Antrieb erhalten?
Martin Eyerer>>>Ich würde sogar sagen im Gegenteil. Je erfolgreicher man wird desto mehr pusht es einen. Ich komme in viele Länder und sehe, dass Leute dort meine Musik kennen und sich damit befassen. Das motiviert mich ungemein.
CM>>>Du wirst dieses Jahr in Chile, Argentinien, Russland, China und und und zu sehen sein. Gibt es Länder auf die du dich besonders freust?
Martin Eyerer>>>Also gerade nach Südamerika komme ich immer wieder sehr gerne. Das Publikum dort ist extrem enthusiastisch. Der Lifestyle dort ist ja bekanntlich viel mehr auf gut Essen und Ausgehen getrimmt. Das merkt man dann logischerweise auch in den Clubs. Aber China ist auch immer wieder spannend, weil es so viel dort anzusehen gibt. Ich sehe mir immer wenn ich dort bin was anderes an. Diesmal habe ich vor, einen Abstecher nach Tibet zu machen. Mal sehen ob das klappt. Letztes mal bei den Olympischen Spielen ging das ja aus bekannten Gründen nicht.

CM>>>Berlin , Berlin alle gehen nach Berlin. Du bist der Stadt zwischen den Hügeln treu geblieben... Ganz spontan welche Assoziation fällt dir zu deiner Stadt Stuttgart ein?
Martin Eyerer>>>Sehr hohe Lebensqualität, überschaubar, bietet aber trotzdem extrem viel. Eine gute Elektronische Musikszene. Hier gibt es immer mindestens 4 gute Technoclubs mit internationalem line up. Und der Flughafen ist sehr Stadtnah... lacht.
CM>>>Hast du jemals schon darüber nachgedacht mit deiner Familie in einer andere Stadt umzuziehen oder kommt das für dich auf gar keinen Fall in Frage?
Martin Eyerer>>>Doch auch ich war schon mal kurz davor, nach Berlin zu gehen. Bin aber inzwischen sehr froh, das nicht getan zu haben. Ich wohne sehr gerne in Stuttgart und fühle mich hier extrem wohl. Da ich ja jedes Wochenende eh immer wo anders bin, kann es mir hier auch nicht so schnell zu eng werden. Eher im Gegenteil: Ich freue mich immer wieder hierher heimzukommen. Außerdem mag ich die vielen Wälder und Naturgebiete in und um Stuttgart.
Was mich aber mal reizen würde, wäre ein Jahr oder so in Buenos Aires. Da habe ich mit meiner Frau auch schon mal drüber gesprochen.
CM>>>Das Jahr 2009 steht ja unter dem Stern „Finanzkrise, Rezession, Krise...“ und so weiter. Machen dich diese ganzen düsteren Meldungen, auch als Vater, nachdenklich oder bist du eher ein optimistischer Mensch?
Martin Eyerer>>>Ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch. Und aus jeder Krise geht man ja auch immer gestärkt hervor!

CM>>>Was brauchst du für einen perfekten Tag in deinem Leben?
Martin Eyerer>>>Das kann sehr unterschiedlich sein. Z.B ein toller Urlaubstag mit der Familie, ein spitzen Gig oder aber auch einfach ein Erfolgserlebnis im Studio.
Photos by permisson of Kling Klong
Interview Michael Mück
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