Uphill Racer - January 2009 German Version



CM>>>Oliver, im November letzten Jahres ist nun dein drittes Album “Telescopeland” auf Normoton erschienen. Es scheint, dass Normoton dich von Anfang an fest ins Herz geschlossen hat. Andere Künstler wechseln oft mit jedem neuen Release das Label. Bei euch scheint sich schon eine Achse der guten Musik gebildet zuhaben. Wie bist du seinerzeit mit Normoton zusammengekommen? Kanntet ihr euch schon, bevor du dein Material eingeschickt hast?
Oliver>>>Nein, das war ein Glückstreffer.. oder Schicksal, je nachdem, wie man es sehen will. Ich empfand damals die Musik als reif für einen Release und habe dafür an fünf oder sechs kleinere Labels meine Homepageadresse gemailt. Ich weiß nicht mehr, warum darunter Normoton war, denn das Rooster ist ja eigentlich ein ganz anderes, ich war überrascht, als ein positives Feedback kam. „Fat Grin Of The Enemy“ hatte es Klaus (=Normoton) angetan.

CM>>>Kann man nach drei Releases schon von einem Vertrauensverhältnis, beziehungsweise von einer Freundschaft sprechen?
Oliver>>>Ja! Am Anfang fühlte ich mich teilweise etwas bevormundet, weil Klaus sich sehr in die Trackauswahl einmischte und aus Prinzip nur Tracks veröffentlichen wollte, hinter denen er hundertprozentig steht – ein Konzept, das Anerkennung verdient. Mittlerweile bin ich froh über seine „Filterfunktion“, die sich für mich schon mehrere Male bewährt hat. Er hat einen sehr guten Blick dafür, wann ein Album fertig ist – auch wenn es mich bei jeder Veröffentlichung aufs Neue in den Wahnsinn treibt, wenn er einen Song, von dem ich überzeugt bin, als nicht releasewürdig einstuft. Meistens hat aber Recht, was ich mir hinterher heimlich eingestehe. Er hat die Objektivität, die mir verständlicherweise fehlt.

CM>>>Wie hast du vor deinem ersten Release “No Need To Laugh“ deine Musik verbreitet, mit selbstgebrannten CD’s oder bei Netlabeln, oder war dieses Album auch dein erstes Lebenszeichen als Uphill Racer?

Oliver>>>Vor dem ersten Normoton-Release habe ich für mich (und eine handvoll Freunde, die interessiert waren) vier selfmade CDs gemacht, allesamt schon mit Coverart von Fabrizio Verni (der auch die drei offiziell veröffentlichten CDs visuell gestaltet hat). Sie hatten für mich einerseits Archivierungsfunktion, damit die Songs nicht in Vergessenheit geraten konnten, andererseits war dieses Albumzusammenstellen selbst eine ganz tolle Beschäftigung.
Verbreitet wurde die Musik damals eventuell nur über Leute, die die CDs von mir  persönlich bekamen.  

CM>>>Der Name “Uphill Racer“ fasziniert mich, denn er erzeugt bei mir zwei Bilder: Jemand, der gegen jeden Widerstand einen Berg hochrast, und auf der anderen Seite jemand, der auch den Widerstand, die Steigung in Kauf nimmt... man könnte ja auch auf die Steigung verzichten. Wie bist auf diesen Künstlernamen gekommen? Und warum hast du einen Künstlernamen gewählt?
Oliver>>>Der Name war plötzlich in meinem Kopf, als ich noch in einer Band spielte, und ich behielt ihn dort für ein eventuelles Soloprojekt. Als dieses dann Form annahm, war er für mich immer noch genauso stark. Er drückt für mich Kraft aus, die aus Verzweiflung und dem blinden Glauben an eine Sache entstehen kann.

CM>>>Na dann lass uns doch gleich mal in deiner Biographie weiterwühlen. In deinem Studio spielst du alle Instrumente selber ein. Welches war dein erstes Instrument? Hast du Musikunterricht gehabt, oder bist du zwischen Musikern aufgewachsen oder hast du dir alles selber beigebracht?
Oliver>>>Ich hatte schon immer Schlagzeug spielen wollen, musste aber erst einmal mit Keyboard vorlieb nehmen, weil meine Eltern Angst vor dem Lärm hatten. Als ich daran dann eine gewisse Pflichtzeit absolviert hatte, verkaufte ich meinen Gameboy mit 10 Spielen und kaufte mir davon ein Schlagzeug. Dafür nahm ich fünf Jahre lang Unterricht. Währenddessen machte ich auch einen Volkshochschulkurs für akustische Gitarre, dessen Saat genau das richtige für mich war. Ich hatte einen starken Drang, mich nach diesem Kurs selbst weiterzubilden und lernte, alle möglichen Songs zu spielen, die ich gut fand. Parallel habe ich schon immer welche geschrieben, sogar als ich nur einen Akkord konnte (E-Moll). Später kam noch Bassunterricht dazu. Momentan bin ich (seit einigen Jahren schon) mit dem Klavier beschäftigt, einem sehr schwierigen Instrument. Ich finde es aber besser, dass ich jedes bandrelevante Instrument passabel spielen kann als eines davon auf Studiumniveau. Das bringt mir mehr für das Songwriting und die Songinstrumentierung.

 

CM>>>Die Anzahl der Instrumente die du einspielst ist unheimlich groß, das klingt nach einem unstillbaren Wissensdurst? Und kommen immer noch weitere Instrumente dazu die dich interessieren und herausfordern?
Oliver>>>Ja, unbedingt. Ich habe mir vorgenommen, mit dem Cello anzufangen, wenn ich 40 bin. Davor habe ich dafür wohl keine Geduld mehr.

CM>>>Bedingt dein Interesse an verschiedenen Musikinstrumenten auch ein Platzproblem?

Oliver>>>Ich habe zuhause in unserem Wohnzimmer kein Schlagzeug, das wird sich aber bald nach einem Umzug ändern. Da habe ich dann endlich einen Raum, in dem alles steht, was ich an Instrumenten besitze. Das wird sehr inspirierend. Bis dahin programmiere ich noch und versuche, das Schlagzeug genau abzubilden.

CM>>>Deine Musik ist, und das soll ein Kompliment sein wenn es fertig ist, schwer einzuordnen, zwischen Songwriter über Experimental hin zu Field Recording und ein wenig Electronica. Ich glaube jeder Musiker hasst diese Frage, aber ich hoffe in diesem besonderen Fall sei erlaubt zu Fragen wie du selbst deine Musik einordnest bzw. bezeichnest?

Oliver>>>Darin vereine ich einfach alles, was mir gefällt und was ich gerne zusammen hören möchte. Zum einen lupenreinen SingerSongwriterpop wie Simon & Garfunkel oder Elton John. Andererseits auch psychedelische Elemente wie Pink Floyd oder später Porcupine Tree. Ich weiß auch HipHop-Beats wie die von Missy Elliott oder Timbaland zu schätzen, aber eben nicht den Rattenschwanz, der an dem Beat hängt. Außerdem finde ich auch jazzige Reduktion wie bei den späten Talk Talk gut. Und weil das alles noch nicht vereint wurde, musste ich das quasi für mich zusammensetzen. Eine Bezeichnung dafür habe ich nicht.

CM>>>Mit welcher Musik bist du aufgewachsen und was für Musik hörst du heute?

Oliver>>>Ich habe versucht, auf meiner MySpace-Seite die mich beeinflussenden Alben in einen chronologischen Verlauf zu bringen. Das ging früher unbewusst damit los, was mein Vater gehört hat: Dire Straits, Elton John. Ich merke heute noch, wie tief das in mir verwurzelt ist. Meine erste selbstgekaufte CD war A-Ha - "Headlights and Deadlines", eine Best-of-Sammlung. Nach einem Abstecher zu "Hardrock" wie AC/DC oder den unvermeidlichen Guns N Roses kam ich zu Nirvana, wo ich den Beginn meines heutigen Musikgeschmacks ansiedeln würde. Darauf folgten Smashing Pumpkins, Stone Temple Pilots, bald aber auch Counting Crows und Tori Amos, The Notwist, Jeff Buckley, Kate Bush, Aphex Twin und Björk. Oh und natürlich Radiohead. "OK Computer" ist eines meiner Lieblingsalben.
Momentan höre ich viel Filmmusik wie den Soundtrack zu "Lars And The Real Girl", mich interessiert auch das Werk von David Bowie, studiere die Musik von Tom Waits und tauche wieder etwas tiefer in die Welt der klassischen SingerSongwriter ein.

CM>>>Jedes deiner drei Alben trägt deine unverwechselbare Handschrift, klingt aber jedes Mal anders. Passiert das aus dem Antrieb heraus, jedes Mal einen neuen Sound zu finden oder automatisch durch die musikalische Weiterentwicklung?
Oliver>>>Ich langweile mich schnell, deswegen muss man beinahe schon von einer "wütenden Lust auf Neues" sprechen. Ich würde gern mal etwas länger bei einem Sound bleiben wollen, aber es gibt immer wieder so viele Anstöße für Neues und so viel spannendes auszuprobieren.
Außerdem ändern sich ständig meine musikalischen Ideale, das, was ich damit ausdrücken will und das, was ich vermeiden will, auszudrücken. Abgesehen davon finde ich Bands, die sich ständig verändern, toll. Wie zum Beispiel The Velvet Teen, Talk Talk oder natürlich Radiohead.



CM>>>Jeder Song von dir ist eine Geschichte und jedes Album von dir empfinde ich wie ein Buch das man gern immer wieder liest. Was kommt bei dir zuerst - die Idee für einen Songtext, bzw. eine Geschichte und dann die Musik oder umgekehrt? Oder gibt es keine Regel?
Oliver>>>Ich bekomme meine Inspirationen bei anderer Musik, man ist ihr ständig ausgesetzt, kann ihr nicht entgehen. Das will ich auch nicht. Ich liebe es, Musik zu hören. Oft mag ich das Prinzip eines Songs - wie er aufgebaut ist, oder finde die Akkordwechsel besonders stimmungsvoll. Diese Stimmung versuche ich dann mit meinen eigenen Worten und Tönen zu interpretieren. Oft denke ich, dass meine "Version" dieser Stimmung zu nah am Vorbild ist, aber dann habe ich nach ein paar Wochen schon wieder vergessen, was dieses Vorbild war - für mich ein gutes Zeichen. Die Texte schreibe ich eigentlich ausnahmslos zur Musik. Oft ergeben sich die Worte aus den Tönen und haben keine persönliche Bedeutung, wohl aber eine künstlerische Bedeutung, auch wenn das für viele Freudiander schwer zu glauben ist. Manchmal singe ich natürlich schon von mir, aber Außenstehende können diese Passagen kaum herausfiltern. Ich texte gern und habe auch das Gefühl, dass mir vieles in den Schoß fällt, dennoch sind die gesungenen Worte für mich ein Mittel zum Zweck, Inhalte für Melodien. Da gelten einfach andere Gesetze und eigene Regeln.

CM>>>Was inspiriert dich zu deiner Musik? Deine persönlichen Erlebnisse oder auch fiktive Geschichten...

Oliver>>>Oft sind es Wortspielereien, die für mich stilistisch wertvoll sind. Ich bin oft hingerissen, über persönliche Erlebnisse oder emotionale Zustände zu singen, schrecke dann aber wieder davor zurück, mich zu sehr zu offenbaren. Manchmal kommt wie gesagt ein bisschen davon durch, wird dann aber vermischt mit fiktionalem oder für mich unsinnigem, um dem vorschnell Interpretierenden den Wind aus den Segeln zu nehmen.

CM>>>Liest du gerne Bücher?

Oliver>>>Das kommt immer auf das Buch an. Wenn es gut ist, wie z.B. "Fleisch ist mein Gemüse", lese ich sehr gern. Wenn es mich nervt weil es mich absichtlich runterzieht, wie zuletzt "Die Zunge Europas", dann habe ich auch keine Lust, mich da durchzuquälen. Lesen empfinde ich als anstrengend, weil es so aktiv ist, andererseits macht es aber auch Spaß, wenn der Stoff schön ist. Dann kann es viel mehr bieten als ein Film. Als ich zum Beispiel an meinem achtzehnten Geburtstag "Der Fänger im Roggen" gelesen habe, war ich so nachhaltig geflasht wie von nur wenigen Filmen.

CM>>>Das Wort ist ein wichtiger Bestandteil deiner Musik. Deine tiefgründigen Texte tragen die Musik und die Musik trägt das Wort, was fällt dir leichter, Worte oder Musik zu finden und zu kreieren?

Oliver>>>Musik ist viel abstrakter und dadurch auch leichter zu erschaffen. Worte sind immer konkret, was oft einengt. Mir geht es bei Worten oft mehr um ihren Klang als um ihre Bedeutung. Sie sind Teil der Soundfläche und müssen passen wie auch Tonlagen passen müssen. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, in einer eigenen Geheimsprache zu singen, wie Sigur Rós das teilweise machen ...wobei es bei denen glaube ich nur Kauderwelsch war. Da legt man sich nicht so leicht fest.

CM>>>Fabrizio Verni macht jeweils das Artwork für dein Cover. Hat er auch die Ideen für die Bilder oder sagst du Fabrizio was du im Artwork wiederfinden möchtest? Oder spielst du ihm deine Musik vor und er kreiert das Artwork so wie er deine Musik hört und umsetzt?
Oliver>>>Die Bilder kamen immer von ihm. Er hatte dazu immer die Musik des jeweiligen Albums. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir ähnliches ausdrücken: Zerbrechlichkeit, Melancholie, Naivität. Das war mir auch wichtig für eine Zusammenarbeit, denn das Artwork soll die Musik ja verbildlichen. In Zeiten von mp3 ist es ja nicht mehr so ganz das, was den ersten Eindruck prägt, aber es sollte eine Einheit mit der Musik bilden.

CM>>>Die Cover sind sehr Symbolträchtig, bei den ersten zwei Alben waren schemenhaft Menschen und Tiere zu erkennen die sich in unterschiedlichen Landschaften einfügen. Das neue Album “Telescopeland“ zeigt eine erkennbare Person...  bist du das? ... die einen Globus in der Hand hält auf der eine Giraffe steht, auf der Schulter befinden sich drei Personen, deine Band? Kannst du mir was zu der Geschichte des Covers erzählen, ist dies auch die Geschichte des Albums?
Oliver>>>Die Person könnte man natürlich als ich interpretieren, liegt ja auch nahe, aber tatsächlich war ich nicht das Vorbild für die Zeichnung, sondern jemand anders. Da Fabrizio das Cover gezeichnet hat, kann ich über den Rest auch nur meine Interpretation anbieten. Die Weltkugel steht für das Telescopeland, das mir allein gehört, in dem andere Menschen aber zu Gast sein können, wenn sie meine Musik hören. Die Giraffe ist ein Symbol für alle unschuldigen, harmlosen Lebewesen, die sich darin aufhalten und dort auch gerne gesehen sind. Mit den drei Figuren auf meiner Schulter hat die Liveband auch einen Platz in dem Artwork gefunden.



CM>>>Auf dem Cover ist das Herz der Hauptperson “zum Ausschneiden“ gekennzeichnet, was bedeutet das?
Oliver>>>Das ist das einzige auf dem Cover, das ich dazu beigetragen habe. Ich wollte Interaktion provozieren, und eine Fläche zum Ausschneiden ist dafür perfekt geeignet. Ein Herz auszuschneiden ist eine emotionale Angelegenheit und tut vielleicht auch ein bisschen weh. Ich lade alle Besitzer des Albums herzlich dazu ein, es zu tun, denn darunter kommt ein organisches Herz zum Vorschein. Es ist also nicht so schlimm, das Papierherz auszuschneiden, denn darunter steckt ein echtes.

CM>>>Ich hatte ja bereits gerade nach dem Zusammenhang zwischen Cover und Musik gefragt, gibt es eine Geschichte hinter Telescopeland? Eine Art Konzept oder besser eine Art roter Faden?
Oliver>>>Ich hatte nicht von Anfang an ein Konzept, aber die Songs stehen in Bezug zueinander. Sie sind Teile eines Ganzen. Wenn man nur ein Lied vom Album hört, weiß man nicht das, was sich nach dem Hören des Ganzen offenbart. Für mich ist es weniger ein textliches als viel mehr ein klangliches Konzept, das beabsichtigt ist.

CM>>>Mir ist aufgefallen dass „Telescopeland“ zum Teil cineatischer und bombastischer vom Einsatz der Sounds ist. Der Opener „Awkward Park“ zum Beispiel bekommt so eine sehr besondere und dichte  Dramatik. Hast du bei Telescopeland bewusst Sounds eingesetzt die Stimmungen transportieren?
Oliver>>>Ich habe den experimentellen Bogen dieses Mal weiter gespannt als sonst. Gerade Awkward Park schwebt in einer anderen Welt. Als Opener fast schon aggressiv ob seiner Eigenheit, als Song weich. Im Text geht es um eine Stelle der Serie "Six Feet Under". Nate telefoniert zum letzten Mal mit seiner Frau Lisa, und er weiß noch nicht, dass es das letzte Mal sein wird, dass er mit ihr redet, weil sie danach auf ungeklärte Weise verschwinden und ihn mit einem gemeinsamen Kind zurücklassen wird. Hat mich sehr ergriffen.

CM>>>Ein weiterer Unterschied zu deinen beiden anderen Alben ist die Tatsache, dass der Titel diesmal aus einem Wort besteht. Die anderen Alben waren mit Sätzen betitelt die eine Art doppeldeutige phantasievolle Botschaft transportierten. Kann man sagen, auch unter dem Aspekt der Musikalität, dass „Telescopeland“ ein Album ist, das mit der Tradition der ersten beiden Alben bewusst bricht?
Oliver>>>Ein bewusster Bruch fand nur im Artwork statt. Der Titel sollte ausdrücken, dass ich mich mit meiner Musik von der Welt, in der wir leben, entfremden will und darin einen Zufluchtsort habe, wohingegen die ersten beiden Alben noch mit einem Dialog mit der Außenwelt betitelt waren. Die Musik hat sich auf Grund der Veränderung meiner Einflüsse einfach weiterentwickelt.

CM>>>Wie lange hast du an „Telescopeland“ gearbeitet? Und nimmst du deine Alben immer zu Hause auf oder hast du diesmal in einem Studio außerhalb gearbeitet?
Oliver>>>Das Album ist am selben Computer und mit derselben Software entstanden wie die ersten beiden Alben, nur sind ich meine Aufnahmefähigkeiten durch die viele Praxis besser geworden. Ich kann gar nicht mehr mit jemand anderem aufnehmen. Meine Art, Spuren aufzunehmen und hinterher in einen Kontext zu bringen, ist so eigen geworden, dass man sie nicht so einfach nachvollziehen kann. Außerdem bin ich alleine am schnellsten und flexibelsten, kann immer dann aufnehmen oder die Spuren bearbeiten, wenn ich will und Zeit habe.
Die Arbeit an Telescopeland hat insgesamt ca. 9 Monate gedauert.

CM>>>Du produzierst und spielst deine Alben immer alleine ein. Ist das für dich der beste Weg Musik zu machen und Gefühle auszudrücken? Oder ist dieser Multiinstrumentelle Arbeitsweise aus der Not entstanden, da du vielleicht keine geeignete Band zur Umsetzung gefunden hast?
Oliver>>>Ich hatte früher in Bands gespielt, stieß aber oft mit vielen Vorschlägen auf Widerstand. Als ich Kompromisse, die ich dann immer nur halbgut fand, satt hatte und zu der Zeit auch einige Stunden entfernt von meinen Ex-Bandkollegen wohnte, entstand aus dieser musikalischen Einsamkeit Uphill Racer. Damals merkte ich auch, dass ein schrottiger Computer völlig ausreichend ist, um genau die Musik zu machen, die mir vorschwebte, ich brauchte keine teueren Mischpulte und Effektgeräte. Nur ein mittelgutes Mikrofon und eine Gitarre.

CM>>>Wie würdest du dich selbst beschreiben? Als offenen Eigenbrödler? Was trifft deiner Meinung nach deine künstlerische Arbeitsweise am besten?
Oliver>>>Ich würde sagen, dass ich musikalisch kompromisslos bin. Falls ich jemanden träfe, der genau die gleichen Sachen machen will wie ich, könnte ich mir gut vorstellen, auch mal wieder gemeinsam Musik zu machen. Wenn ich mich nicht ständig gegen Einflüsse wehren muss, die mir klischeehaft vorkommen und mir einfach geschmacklich nicht zusagen, würde ich sehr gerne mal wieder Teamwork probieren. Hinzu käme aber wieder das Problem mit der eingeschränkten Flexibilität.


CM>>>Wie gleichst du dich während deiner Arbeit ab, in einer Band gibt es während der Aufnahmen oft Diskussionen und Konflikte, wie machst du das, spielst du die Stücke jemandem vor oder durchlebst du die Schaffensphase ganz alleine?
Oliver>>>Meine Lebensgefährtin ist die erste und vorerst einzige, die ein neues Stück hört. An ihrer ehrlichen und prompten Reaktion merke ich innerhalb der ersten 15 Sekunden, ob das Stück Potenzial hat. Manchmal bin ich mir auch so sicher, dass etwas gut ist, dass ich ihre eventuell negative Reaktion übergehe und trotzdem daran festhalte, aber in 95% der Fälle kann ich mich auf ihr Urteil verlassen.

CM>>>Gibt es bei diesen Arbeitsprozessen auch Momente des Selbstzweifels und des Stillstands oder treibt dich das jeweilige „Projekt“, verzeih das kühle Wort, voran?
Oliver>>>Es gibt immer fruchtbare und weniger fruchtbare Perioden. Da ich ja nicht nur an der Musik feile, sondern auch arbeiten gehe, kommt es eigentlich nie vor, dass ich vor meinen Spuren sitze und nicht weiter weiß. Ich modelliere einfach weiter, wenn ich weitere Ideen habe. Ich höre im Auto auf dem Weg zur Arbeit meine bisherigen Mixe und merke währenddessen schon immer, was noch fehlt. Dann kann ich´s immer kaum erwarten, die Änderungen vorzunehmen oder fehlenden Fragmente hinzuzufügen.



CM>>>Live trittst du mit Unterstützung mehrer Musiker auf. Kann man sagen dass das eine echte Band ist oder wechseln die Personen mit jedem Release?
Oliver>>>Es gab in letzter Zeit tatsächlich einige Umbesetzungen, die aber nicht von mir ausgingen, sondern von den jeweiligen Personen. Ich will und kann niemanden zwingen, Musik zu spielen, die ich schreibe. Ich kann gut verstehen, wenn jemand sagt, dass er nicht mehr mit mir spielen kann, weil er eigene Kreativpläne hat. Andererseits bin ich auch in der Umsetzung meiner Songs relativ offen, weil man live einfach nicht so detailversessen sein kann wie bei Aufnahmen, das ist unmöglich. Da geht es nur darum, den Moment zu verzaubern. Zu viele Details würden da eh keinem auffallen.

CM>>>Wie groß ist deine Band, wer macht Live was? Woher kennst du die einzelnen Musiker?
Oliver>>> Um mal mit dem Offensichtlichen anzufangen: Ich spiele natürlich mit, und zwar teils Gitarre, teils Klavier. Außerdem singe ich. Dann sind da noch die zwei "Urmitglieder" Ronny Kleber, der Bass, Keyboards und auch mal Gitarre bedient, und Martin Luderschmid, der Schlagzeug und Posaune spielt. Beide kenne ich schon recht lange, sie sind mir eingefallen, als ich Leute gesucht habe, die mir helfen könnten, das alles live umzusetzen, und sie waren interessiert. Last but not least haben wir noch Elsa Muck in unseren Reihen, die Geige spielt und zweite Stimmen singt. Ich wollte unbedingt ein Streichinstrument, und sie passt wirklich sehr gut rein. Die Liveband hat auch einen eigenen Namen, "Uphill Racer Team Dream".

CM>>>Ist es schwierig, deine Stücke die du alleine in deinem Studio in einer ganz anderen Stimmung eingespielt hast dann auf eine Live Band umzusetzen oder ist die Live Präsentation eine andere Ebene deiner Musik?
Oliver>>>Allein der Vorgang ist live ja ein ganz anderer. Man steht vor Leuten und muss genau in dem Moment "beweisen", dass man es wert ist, auf einer Bühne zu stehen. Die Musik ist live eine andere, sie entfaltet neue Qualitäten. Wenn ich einen Song aufgenommen und abgemischt habe und ihn für fertig erkläre, passiert nichts mehr daran. Man kann ihn anhören, mehr nicht. Wenn wir einen Song live spielen, ist es jedes Mal ein kleines bisschen anders. Der Song lebt dann.

CM>>>Wo liegt bei euren Live Auftritten die Prämisse, die Musik so nahe am Album zu präsentieren wie es nur geht, oder die Inhalte lebendig zu präsentieren?
Oliver>>>Das variiert von Song zu Song. Manche Songs muss man völlig von seiner Studioversion lösen, andere bleiben dicht am "Original". Das ist immer abhängig davon, wieviel  synthetischen Drumsounds und so weiter enthalten sind. Wir arbeiten live zwar schon mit Samples, aber wir versuchen auch, z.B. statt Midisounds die Geige sprechen zu lassen.

CM>>>Wäre es für dich eine Option, ein ganzes Album mit einer Band einzuspielen?
Oliver>>>Wir sind momentan mit dem Aufnehmen unseres Livesets im Heimstudio unseres Schlagzeugers beschäftigt. Ein ganzes Album mit der Band einzuspielen stelle ich mir schwierig vor. Einzelne Parts kann ich mir schon vorstellen, aber wirklich alles. Das würde meinem gesamten Arbeitsprozess widersprechen, denn die Songs entstehen ja während deren Aufnahmen. Ich müsste also alles aufnehmen und hinterher die Band das spielen lassen.
Kommt mir sinnlos und wie Zeitverschwendung vor. Außerdem hasse ich es, Leuten zu erklären, wie sie etwas spielen sollen, da fühle ich mich diktatorisch, was ich gar nicht mag. Ist irgendwie ein Teufelskreis.

CM>>>Was planst du für das Jahr 2009, arbeitest du schon an neuen Stücken? Wo wird man dich und deine Band sehen können?
Oliver>>>Ja, das vierte Album ist ehrlich gesagt schon fertig. Es wird "Before Less Was More" heißen, was sich aber natürlich noch ändern kann. Das Cover wird nicht mehr von F. Verni kommen, sondern von einer anderen, ganz tollen Künstlerin, deren Bilder ebenfalls super wenn nicht noch besser zu meiner Musik passen. Musikalisch geht es wieder etwas weg von elektronischen Beats, ein Song ist etwas John Lennon-beeinflusst, ansonsten wüsste ich keinerlei Vergleiche. Wir werden dieses Jahr hoffentlich auch wieder einige Konzerte spielen!

CM>>>Was machst du neben deiner Musik?
Oliver>>>Ich bin Cutter und arbeite bei einem Musikfernsehsender in der Nähe von München an der Visualisierung von Loungemusik.

CM>>>Du lebst in Neuburg an der Donau (dort bin ich übrigens geboren...). Was passiert dort an kulturellem Leben? Und ist diese Stadt für dich inspirierender Ort, der zum einen die Vorzüge einer Stadt bietet und gleichzeitig verschlafen im wunderbaren Grün liegt?
Oliver>>>Kulturell passiert dort natürlich der Jazzclub Birdland, in dem ich aber fast nie bin.


Wir haben dort einmal gespielt, aber der Besitzer fand das glaub ich nicht so toll, denn auf eine zweite Anfrage kam keine Antwort mehr. Das war unser erstes Konzert, 2005. Ansonsten gibt es zwei Kinos, in die ich manchmal gehe. Weggehen war für mich noch nie ein Thema, ich bin auch nicht wirklich informiert über das Angebot in Neuburg. Ich bin gern zuhause mit meiner Freundin und unseren zwei Katzen. Die Vorzüge einer Stadt bietet Neuburg nicht so ganz, da muss man schon nach Ingolstadt fahren, aber für´s tägliche Leben reicht das Einkaufsangebot allemal. Grün ist es aber schon, das stimmt. Das merkt man aber leider nicht mehr so, wenn man es gewohnt ist. Ich bin gern dort. Zumindest war ich noch nie lieber woanders.

CM>>>Was brauchst du für einen perfekten Tag in deinem Leben?
Oliver>>>Terminfreiheit, Sorglosigkeit, Gesundheit für mein Umfeld und mich, Sonnenschein, viel zu essen und eine weite Sicht.

http://www.uphillracer.de
http://www.myspace.com/uphillracer

Photos Uphill Racer Presskit
Interview Michael Mück
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